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Sergey Melnitchenko: „Behind the Scenes”

Finalist 2017: Sergey Melnitchenko

Kaum jemand ist Tänzerinnen in einem chinesischen Club so nahegekommen wie der ukrainische Fotograf Sergey Melnitchenko. Er folgte ihnen auf Schritt und Tritt hinter der Bühne und liefert seltene Einsichten in den Showbetrieb. Dabei profitiert er von seinen eigenen Erfahrungen als Tänzer. Mit Zehenspitzengefühl entstanden Einsichten in einem harten Beruf, der auf der Bühne im Scheinwerferlicht so leichtfüßig wirkt.

Irgendwo in China in einer schwülen Nacht, im Morgengrauen nach getaner Arbeit: schwitzende Transvestiten, Mädchen in Badewannen voller Bier, betrunkene Darsteller und eine noch größere Zahl betrunkener Besucher. Ramponierte Beine, durchtanzte Füße, kaputte Strumpfhosen im Abschminklicht. Kratzer und Narben, die meisten sind unsichtbar, denn sie befinden sich an geschundenen Seelen – Alltag in einem Amüsierbetrieb für Touristen und Einheimische in China, der jedoch überall sein könnte. Um solche Einsichten zu liefern, reicht es nicht, nah dran zu sein. Man muss, so wie Sergey Melnitchenko Teil des Ganzen sein. Seine Bilder geben seine Erfahrungen preis, ungeduscht und distanzlos. 

„Hier ist alles echt – es handelt sich nicht um Szenen, sondern um das echte Leben, unser Leben oder eben meines.“

Nicht im Scheinwerferlicht auf der Bühne, sondern vom Abseits hinter den Kulissen erzählt Melnitchenko in seiner cineastisch anmutenden Serie aus dem Alltag im Showbusiness mit Ecken und Kanten. Sein Geheimnis liegt darin, dass er dort selbst als Mitwirkender hineingeriet. Nur so gelingen solch intime Bilder, die mehr preisgeben, als viele sehen wollen. „Vor zwei Jahren kam ich nach Asien, um als Tänzer zu arbeiten. Zu dieser Zeit, im Frühling 2016, traten wir in einem chinesischen Club auf, der eher eine große Bar mit Bühne war, denn keiner der Besucher tanzte dort. Als ich realisierte, was dort alles für großartige Dinge passierten, entstand die Serie ‚Behind the Scenes‘.“

Sergey Melnitchenko

Geboren 1991 in Mykolajiw/Ukraine. Fotografiert seit rund acht Jahren. Mitglied der Ukrainian Photographic Alternative, ein Kollektiv, das zeitgenössische Fotografie aus der Ukraine fördert. Veröffentlichte 2013 seine Serie „Loneliness Online“ im Eigenverlag. Seine Arbeiten wurden in diversen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter das Landskrona Fotofestival (2015), das Off_Festival Bratislava (2014), Kunstbuchpräsentation im Rahmen der Künstlerresidenz The Muzychi Expanded History Project, Kiew/Ukraine. Melnitchenko lebt und arbeitet seit zwei Jahren in China.