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Claudine Douro – Peuples de Siberie

Interview Claudine Doury

Unbekanntes Leben im fernen Russland: Für ihre Schwarzweißserie „Peuples de Sibérie“ erhielt die französische Fotografin Claudine Doury im Jahre 1999 den Leica Oskar Barnack Award. Jugendliche im Übergangsstadium zwischen Kindheit und Erwachsensein bilden seitdem ihren fotografischen Schwerpunkt. So auch in ihrer Serie „Artek“, die im aktuellen M Magazin zu sehen ist. Im Interview spricht Claudine Doury über die Bedeutung von Fotopreisen, den Einfluss von Edward Curtis und ihren Wechsel zur Farbfotografie.

Ihre Fotoserie über Minderheiten in Sibirien wurde im Jahre 1999 mit dem Leica Oskar Barnack Award ausgezeichnet. Was bedeutete der Preis für Sie?

Claudine Doury: Da ich den LOBA für mein erstes persönliches Fotoprojekt erhielt, bedeutete er mir sehr viel. Die Auszeichnung bestätigte mich in meiner Arbeitsweise: nämlich Langzeitprojekte zu realisieren, sich Zeit zu nehmen und mit den Menschen, die ich fotografieren wollte, zu leben. Über die Jahre hat sich meine Arbeitsweise weiterentwickelt, die Serie „Artek“ fotografierte ich weniger dokumentarisch. Mittlerweile rückt eine intimerer Blick auf die Welt in den Mittelpunkt meiner Arbeit – wie etwa bei meinem Projekt „Loulan Beauty“, das ich Zentralasien aufnahm, und meiner Serie „Sasha“, einer Arbeit über das Heranwachsen.

Warum haben Sie „Peuples de Sibérie“ in Schwarzweiß fotografiert?

Claudine Doury: Als ich mich für das Thema entschied, war mir klar, dass ich in Schwarzweiß arbeiten würde. Das Fotoprojekt war als Annäherung an die Arbeit von Edward Curtis konzipiert. Ich wollte über Ureinwohner in Russland berichten, über eine Ethnie, die nahezu unbekannt war, aber auf eine bestimmte Art und Weise in Bezug zu den Ureinwohnern Nordamerikas stand. Durch die Schwarzweißfotografie war es möglich, ihre Wurzeln zu vereinen, und ihnen nicht zu Wahrnehmung, sondern zu Erinnerung zu verhelfen.

Heute arbeiten Sie in Farbe. Wann hat sich Ihre Herangehensweise geändert?

Claudine Doury: Nach dem Sibirien-Projekt fing ich an, das ehemalige Sowjetcamp Artek in Farbe zu fotografieren. Seither arbeite ich immer in Farbe. Als ich beschloss, die Teenager in ihrem Ferienalltag in Farbe zu fotografieren, folgte ich einem Gefühl zum Thema Heranwachsen. Farbe bedeutete Leben, daher schien es mir passender. Ich entschied mich für Farbe, aber für eine bestimmte Art von Farbe, sehr weich und zurückhaltend und fast schon ein wenig ins Monochrome gehend.

Neben dem LOBA wurde Ihre Arbeit auch mit dem World Press Photo Award und dem Prix Niépce geehrt. Wie wichtig sind solche Auszeichnungen für Fotografen?

Claudine Doury: Ich habe mich sehr über all diese Auszeichnungen gefreut. Sie bedeuteten und bedeuten mir noch immer sehr viel. Wenn man einen Preis gewinnt, ist das eine Bestätigung. Diese Art von Anerkennung von offiziellen Instanzen und Profis braucht man. Sie schenkt einem Selbstvertrauen, vor allem in Phasen des Zweifelns. Tatsächlich sind Auszeichnungen während der gesamten beruflichen Laufbahn wichtig, sie halten dich wach – deine eigenen Augen und die der Öffentlichkeit.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Claudine Doury: Ich bin gerade mit meiner jüngsten Serie „L’homme nouveau“ fertig geworden. In dem Fotoprojekt geht es um Männlichkeit und darum, was es bedeutet, ein Mann zu werden. Diese Arbeit wird gerade in meiner Galerie La Galerie Particulière ausgestellt. Ich denke über verschiedene Projekte nach, aber ich werde mir noch ein wenig Zeit lassen, bevor ich in sie abtauche.

Haben Sie ein fotografisches Motto?

Claudine Doury: Mir gefällt der Aphorismus von Samuel Beckett sehr gut: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Das könnte mein fotografisches, aber auch mein Lebensmotto sein.

Ein umfangreiches Portfolio ihrer Serie „Artek“ sehen Sie im M Magazin No. 5.

Claudine Doury

Claudine Doury widmet sich vornehmlich Langzeitprojekten. In poetischen, farblich zurückgenommenen Momentaufnahmen beschäftigt sie sich mit den Themen Erinnerung und Übergang – dabei vor allem mit dem sensiblen Wendepunkt zwischen Kindheit und Pubertät. Doury, in Blois bei Orleáns geboren, wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1999 mit dem Leica Oscar Barnack Award für die Arbeit „Peuples de Sibérie“ und im Jahr 2000 mit dem World Press Photo. 2004 erhielt sie den Preis Yann Arthus Bertrand sowie den Prix Niépce – Letzteren für ihr fotografisches Gesamtwerk. Ihre Fotografien sind weltweit in Gruppen- und Einzelausstellungen sowie in bedeutenden Sammlungen zu sehen.