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Julio Bittencourt

Was macht eigentlich Julio Bittencourt?

Der in São Paulo lebende brasilianische Fotograf wurde im Jahr 2007 für seine Serie In a window of Prestes Maia 911 building mit dem Leica Oskar Barnack Award ausgezeichnet. Für den damals 26-jährigen Fotografen war das ein wichtiger Karriereschritt, um sich als unabhängiger Fotograf zu etablieren. In seiner Heimatstadt fand er zahlreiche sozialpolitische und multikulturelle Themen, die er in seinen Bildserien weniger als klassischer Bildreporter gestaltete, sondern mit großem Gespür für Farbe und Formen sowie konzeptioneller Strenge zu sehr eindrücklichen Geschichten verdichtete. So stand im Mittelpunkt der damals ausgezeichneten Serie ein verfallender Hochhauskomplex mitten im Zentrum von São Paulo, der als Lebensraum von rund 2000 Menschen besetzt worden war. Nach zehn Jahren wollten wir nun wissen, was Julio Bittencourt heute macht und welche Bedeutung der LOBA 2007 für ihn hatte. Mitten in der Arbeit für sein aktuelles Projekt Plethora, das sich dem Thema Überbevölkerung und Leben in Großstädten widmet, fand er Zeit für ein Interview.

Vor zehn Jahren haben Sie den Leica Oskar Barnack Award erhalten. Wie ging es nach 2007 weiter, was hat sich verändert?

Julio Bittencourt: Auf jeden Fall ist viel passiert, seit ich den LOBA erhalten habe. Es ist zwar einer der bedeutendsten Fotografiepreise der Welt, aber die Beachtung meiner Arbeit, nicht nur durch Leica, sondern auch durch viele andere Veröffentlichungen, Galerien, Festivals etc. war nicht vorhersehbar. Zumindest für mich nicht. Mehrere Türen haben sich in verschiedenen Bereichen geöffnet, es war wahrscheinlich der größte Schwung, den jemals eine Auszeichnung mit sich brachte. Das Gefühl, das der LOBA damals bei mir auslöste, war das gleiche wie heute: zu wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Meine Projekte werden alle über Jahre erarbeitet und ich habe noch nie etwas aufgenommen, nur um eine Auszeichnung zu gewinnen, oder weil ich in ein bestimmtes Umfeld wollte. Ich glaube, dass das bei derartig speziellen Preisen auch immer erkannt wird. Ein guter Freund, ebenfalls Fotograf, der viel älter ist als ich, erzählte mir einmal, dass es nach seiner Erfahrung etwa zehn Jahre dauert, um festzustellen, ob jemand wirklich ein Fotograf wird. Weitere zehn, um vielleicht herauszufinden, wie er sich entwickelt und die verbleibenden Jahre werden gebraucht, um seine eigene Bildsprache zu finden und hoffentlich gut darin zu werden. Obwohl ich noch auf der zweiten Etappe bin, habe ich eine ziemlich gute Vorstellung davon, wohin ich will, und der Leica Oskar Barnack Award hat mir sehr geholfen, das zu klären und voranzukommen.

Was waren in den letzten zehn Jahren Ihre wichtigsten Projekte?

Julio Bittencourt: Ich sehe auf jedes Projekt als eine Entwicklung von mir als Fotograf und habe nie wirklich das eine für wichtiger als das andere gehalten. In meinem Kopf, zumindest zeitweise, ist das Wichtigste immer das, an dem ich gerade arbeite. Ich glaube, dass zwei der Projekte am meisten durch Ausstellungen, Ehrungen und Publikationen hervorgehoben wurden: Ramos und In a window of Prestes Maia 911 building. Beide Serien sind auch als Buch erschienen.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Julio Bittencourt: Ich arbeite ungefähr seit drei Jahren an einem Projekt namens Plethora. Durch die Verwendung mehrerer Fotografien für jedes Bild reflektiert Plethora das Thema der globalen Überbevölkerung, indem es zeigt, wie große, vorwiegend städtische Umgebungen das Leben der Menschen in sieben verschiedenen Ländern beeinflusst, in denen diese Frage besonders akut ist.

Aktuell sind Sie für den Aesthetica Art Prize nominiert

Julio Bittencourt: Ja, ich habe diese großartige Nachricht erst kürzlich erhalten. Die eingereichten Bilder stammen beide aus dem Projekt Plethora.

Arbeiten Sie derzeit mit einer Leica?

Julio Bittencourt: Plethora wird zu hundert Prozent mit Leica Kameras aufgenommen und ich könnte mit der Qualität der Fotografien und den Ergebnissen kaum glücklicher sein. Während des Projekts habe ich bisher die S (Typ 006) und M (Typ 262) verwendet, während der letzte Teil mit der Leica SL aufgenommen wird. Obgleich man immer auch Ausnahmen finden wird, denke ich, dass jede Kamera jeweils besser bei unterschiedliche Arten von Fotografie und Umgebungen funktioniert. Das S-System generiert erstaunliche Bilder und ist offensichtlich größer und robuster. Unter eher kontrollierten Bedingungen erzeugt es Wunder. In die M ist das Street-Photography-Gen eingeschrieben. Sie hat nach meiner Überzeugung die perfekte Größe für eine Kamera: Sie ist leicht, schnell und diskret, ohne Qualität zu verlieren. Die SL habe ich bis jetzt noch nicht benutzt und ich bin schon ganz aufgeregt, sie in die Hände zu bekommen. Und last but not least: natürlich sind die Objektive immer Meisterwerke.

Julio Bittencourt

Julio Bittencourt wurde 1980 in Brasilien geboren und wuchs zwischen São Paulo und New York auf. Seine Projekte werden weltweit in Galerien und Museen gezeigt. Viele internationale Magazine veröffentlichen seine Arbeiten.

www.juliobittencourt.com