010203040506070809010011012
Mary Gelman: „Svetlana”

Finalist 2018: Mary Gelman

Etwa 150 Kilometer östlich von St. Petersburg liegt Svetlana, eine Einrichtung der anthroposophischen Camphill-Bewegung. Fast zwei Jahre lang besuchte Mary Gelman immer wieder diesen Ort – eine heilpädagogische Initiative, in der behinderte Menschen, selbstständig und fern von Vorurteilen oder Diskriminierung leben und arbeiten.

Die heilpädagogische Einrichtung Svetlana ist ein besonderer Ort, nach dem auch Ihre Serie benannt ist. Wie haben die Menschen dort auf Sie und Ihre Kamera reagiert?

Zunächst waren sie in meiner Gegenwart besonders aufgedreht, sie haben posiert und ständig versucht, in die Kamera zu lächeln. Aber bald wurde ich zu einer Art Dauergast. Meine Kamera hatte ich immer und überall dabei. So gewöhnten sie sich an sie und irgendwann bemerkten sie auch mich nicht mehr. Dann begann eine besondere Zeit.

„Das Allerwichtigste beim Fotografieren ist, sich Zeit zu lassen.“

Wie gelangen Ihnen die ruhigen, nahen und sehr natürlichen Porträtaufnahmen?

Ich finde, es kommt immer auf die jeweilige Person und auf die zwischenmenschliche Chemie an. Manchmal brauchte ich vier Anläufe, dann reiste ich vier Mal nach Svetlana, um ein einziges Porträt zu machen. Manchmal nicht. Man muss lernen, die Grenzen des anderen wahrzunehmen, sie zu respektieren, und offen und ehrlich zu sein. Das Allerwichtigste beim Fotografieren ist, sich Zeit zu lassen.

Auf welchem Weg sind Sie zur Fotografie gekommen?

Als Studentin hatte ich sehr wenig Geld und machte zwei Jobs gleichzeitig. Dabei beobachtete ich meine Umgebung, bemerkte viele merkwürdige, absurde und auch wunderbare Situationen. Ich wollte meine Eindrücke mit anderen teilen. Eine Kamera zu kaufen – meine Mutter unterstützte mich dabei – war für mich eine große Investition. Seither habe ich sie immer bei mir.

Mary Gelman

1994 in der russischen Kleinstadt Pensa geboren, absolvierte Gelman zunächst ein Soziologiestudium bevor sie sich Gender-Studien und – an der Hochschule DocDocDoc in St. Petersburg und während internationaler Workshops – der Fotografie zuwandte. Zu den Auftraggebern der Dokumentarfotografin gehören inzwischen „The Washington Post“, „The Village“ und „European Photography Magazine“. Ihre vielfach ausgezeichneten Arbeiten werden weltweit ausgestellt. Gelman lebt in St. Petersburg.

Porträt: © Vika Bykovskaya