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Hashem Shakeri – Cast Out of Heaven

Hashem Shakeri – Cast Out of Heaven

Er sieht sich als Dokumentarist der Veränderung: Mit „Cast out of Heaven“ beschäftigt sich Hashem Shakeri mit den Fragen des Exils und der Entfremdung. Die Serie ist der zweite Teil einer Trilogie über den zeitgenössischen Menschen.

Wie ein Satellit kreist das Paradies um Irans Hauptstadt. Eine riesige Insel mit Hochhäusern und Einheitsquartieren, bewohnt von Tausenden Menschen und ihren Automassen. Weiß. Staubig. Trostlos. Das Paradies wirkt wie die Kehrseite des Lebens, wie ein Aushängeschild der Einsamkeit. Paradies heißt auf Persisch „Pardis“. Und das ist der Name einer der neu in den Himmel geschossenen Satellitenstädte, die in den letzten Jahren rund um Teheran entstanden sind – als Konsequenz rasanten Bevölkerungswachstums und steigender Immobilienpreise.

Man nennt sie „Steinwüsten“ oder „Arbeiterschließfächer“. Wie eine Kette legen sich die Betonwüsten um den Hals der Hauptstadt, schnüren ihren Bewohnern und Teheran gleichermaßen die Luft zum Atmen ab. Viele sind arbeitslos und die, die Arbeit haben, pendeln täglich zwei bis drei Stunden zwischen Wohnung und Job. Alltag, Wiederholung, Ausschluss aus dem Treiben der Gesellschaft: Die neuen Städte sind ein Schmelztiegel von Frustration, Entfremdung, Anonymität, Selbstmord und Drogen. Sie sind das Land derer, die aus ihrem Himmel vertrieben worden sind – aus der Metropole Teheran. „Im Grunde genommen ist ‚Cast Out of Heaven‘ ein ironischer Titel“, erzählt der iranische Fotograf Hashem Shakeri. „Der Himmel ist eine Allegorie unserer potenziell utopischen Hauptstadt, die ihre Bürger dazu zwingt, wegzuziehen. Danach müssen sie Schutz in einem dieser neuen ‚Himmel‘ finden, die für sie errichtet worden sind.“

„Ich interessiere mich für Themen, die jeden betreffen könnten, unabhängig von Geografie, religiösen Überzeugungen oder ethnischer Zugehörigkeit. Dinge, mit denen sich die Menschheit im Laufe der Geschichte an allen Orten schon immer beschäftigt hat.“

Shakeris Bilder erzählen von Entstehung und Aufbruch, von Erinnerung und Geschichte. Bunt wie das vorherige Leben betreten die einstigen Teheraner und anderen Zugezogenen nun ein unbeflecktes, reines Land, das sie zu erobern versuchen. Kinder vergnügen sich auf einer in die Wüste gesetzten Schaukel, am Wegesrand versucht ein frisch gepflanzter Baum zu sprießen, uniforme Waschbecken halten Einzug ins zukünftige Heim. Noch scheint die neue Welt nicht bezogen zu sein, noch wirkt es so, als lebten die Bewohner im Transit. „Ich habe versucht, eine Einheit zwischen der Form der Landschaft und den Gebäuden mit der Haltung und Körpersprache der Menschen herzustellen“, sagt Shakeri. „Gleichzeitig wollte ich aber auch die orientierungslosen Menschen, ihren völligen Mangel an Identität, mit den wie Pilzkolonien aus dem Boden geschossenen Gebäuden kontrastieren. Mein Ziel war es, in der gesamten Erzählung eine apokalyptische Welt zu schaffen.“

Um diese Stimmung zu erzeugen, hat der Fotograf mit einer analogen Kamera von Mamiya gearbeitet und zudem die Aufnahmen überbelichtet. Die hoffnungslosen Menschen am Rande der Gesellschaft erscheinen so auf seinen Fotografien wie die Protagonisten eines Märchens, losgelöst von Zeit und Raum, ewige Helden ihrer eigenen Geschichte. Poetisch schön stellt Shakeri ihre Bitterkeit und den Schmerz dar. Als schwebe man der Dystopie davon.

„Ich versuche immer, in meiner Ausdrucksweise einen poetischen Ansatz zu finden, in der Hoffnung, meinem Publikum eine tiefere Botschaft zu vermitteln, die über das Offensichtliche hinausgeht. Vermutlich hat meine Arbeit ihre Wurzeln in meiner tiefen Besorgnis über die Verwirrung und das Unbehagen des zeitgenössischen Menschen.“

Hashem Shakeri

Hashem Shakeri ist Künstler, Fotograf, Filmemacher und lebt in Teheran, wo er 1988 geboren wurde. Als Dokumentarist untersucht er die menschlichen Beziehungen, die Unruhe, Ratlosigkeit und sozialen Kämpfe in der Welt. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Publikationen wie der „Sunday Times“ oder dem „British Journal of Photography“ veröffentlicht und auf Festivals und in Museen ausgestellt. 2019 erhielt er den Reportage Grant von Getty Images.

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Foto: © Amya