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Luca Locatelli – Future Studies

Luca Locatelli – Future Studies

Wie wollen wir leben? Das Langzeitprojekt des italienischen Fotografen visualisiert die Erforschung neuer Wege, wie wir in Zukunft auf unserem Planeten überleben und den gewaltigen Umweltproblemen begegnen können. Locatelli hinterfragt in seinen Motiven das vorherrschende Konzept des permanenten wirtschaftlichen Wachstums und eröffnet eine intensive Debatte über unsere Beziehung zu Natur und Technologie.

Zukunftsangst und Fortschrittsskeptizismus sind aktueller denn je; die Serie „Future Studies“ richtet den Fokus auf höchst aktuelle und brennende Fragen der Gegenwart. „Mit diesem Projekt möchte ich eine Debatte über unser Konzept des Wachstums und unsere Beziehung zu Natur und Technologie mit dem Betrachter eröffnen“, so Locatelli. Der Fotograf konstatiert, dass „lange Zeit der technologische Fortschritt das Fundament bildete, auf dem utopische Visionen aufbauten. Er machte eine außerordentliche Anzahl von Produkten möglich und einen Konsum, der für frühere Generationen unvorstellbar war.“ Doch „heute werden wir uns wie nie zuvor auch seiner Schattenseiten bewusst, zum einen der Schäden, die er in der Vergangenheit verursacht hat, und zum anderen der Risiken, die ein Leben in einer hochtechnisierten Welt mit sich bringt.“

„Eines der charakteristischsten Symptome der Zeit, in der wir leben, ist das wachsende Gefühl des Verlusts einer besseren Zukunft, eines hypothetischen Morgens, das als etwas Vielversprechendes und doch Unbekanntes wahrgenommen wird.“

Locatelli, der erst als Mittdreißiger die Fotografie für sich entdeckte, interessierte sich auch zuvor in seiner Arbeit als Informatiker und Software-Entwickler für Technologie und Innovation. Bereits seit sieben Jahren arbeitet er an seiner Serie „Future Studies“. Die für den LOBA eingereichte Auswahl entstand zwischen 2015 und 2019 und widmet sich vor allem der Energiewende und der zukünftigen Nahrungsproduktion. Locatelli fotografierte abgeschaltete Kernkraftwerke und Hafenanlagen, in einem Nordsee-Windpark und im Braunkohletagebau in Deutschland. Er war in einer Windturbinen-Fabrik und in einem der größten Müllheizkraftwerke Dänemarks, in einem geothermischen Kraftwerk und in einem Gewächshaus in Island. Er besuchte weitere gigantische Gewächshäuser, einen Algenpark in den Niederlanden, eine Insektenfarm in Großbritannien und dokumentierte das weltweit größte Flugzeuglager in Arizona.

Häufig zeigt er die von ihm besuchten Orte aus großer Höhe, fotografiert aus einem Helikopter oder unter Einsatz von Drohnen. Diese Aufsichten ermöglichen einen völlig neuen Zugang zu den oft abgeschirmten oder kaum zugänglichen Betrieben und Landschaften. Bevorzugt arbeitet der Fotograf mit Mittelformatkameras, für einige Motive verwendete er auch eine Leica S. Die genau komponierten Aufnahmen leben von ihrer stark grafischen Gestaltung und besonderen Farbigkeit, die viele der Motive künstlich überhöht wirken lässt. Menschen werden nur manchmal und dann vor allem als Wissenschaftler und Forscher inmitten der Szenerien gezeigt. Seinen Stil hat der Fotograf selbst einmal als „dokumentarische Kunstfotografie“ bezeichnet. Die Aufnahmen wirken neutral und sollen Neugier für eine fremde Welt wecken. So versteht Locatelli seine Serie als einen offenen Beitrag, über die Zukunft der Welt nachzudenken. Er ist davon überzeugt, dass echter Fortschritt und wahre Entwicklung zukünftig nur mit einer möglichst geringen Belastung für die Umwelt möglich sind.

„Die wachsende politische und wirtschaftliche Instabilität, zusammen mit der immer greifbareren ökologischen Krise, die wir überall auf der Welt erleben, und der Erfahrung des Ausbruchs des Virus halten uns in einer ewigen Gegenwart gefangen, die aus Angst und Pessimismus besteht.“

Die Zeit des weltweiten Lockdowns brachte auch für Locatelli eine Zwangspause mit sich, die er für die genaue Sichtung und Verbindung seiner bisher fotografierten Serien und Objekte nutzte. Trotz aller Erkenntnisse und Erfahrungen versucht Locatelli, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Seine Hoffnung: „Niemals zuvor hatten wir wie in dieser schwierigen Corona-Zeit, in der die Welt stillsteht, die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie unsere Haltung in der Zukunft aussehen sollte, in dem Bemühen, wieder eine gesunde Beziehung zur Natur und zum Planeten herzustellen.“ Insbesondere die Wiederherstellung eines Gleichgewichts von Wissenschaft und Technologie im Hinblick auf unsere Umwelt wird dabei aus Sicht des Fotografen eine Hauptrolle spielen müssen.

Luca Locatelli

Luca Locatelli, 1971 in Italien geboren, hat nach dem Studium der Informationstechnologie mehr als zehn Jahre als Software-Entwickler gearbeitet, bevor er 2006 seine Tätigkeit als Dokumentarfotograf aufnahm. Seit 2016 wird er von internationalen Agenturen wie dem Institute for Artist Management vertreten und seit 2015 ist er Fotograf bei „National Geographic“. Seine Geschichten erarbeitet Locatelli gemeinsam mit Journalisten, Umweltschützern und Wissenschaftlern. Seine Arbeiten werden international ausgestellt und wurden unter anderem beim World Press Photo, den Sony World Photography Awards, beim Nannen-Preis und dem Aftermath Grant ausgezeichnet. Veröffentlichungen in „New York Times Magazine“, „Time“, „The New Yorker“, „Bloomberg Businessweek“, „Wired“, „Smithsonian“, „Stern“, „Geo“ und „The Sunday Times Magazine“.

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Porträt: © Luca Locatelli