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Wendy Watriss – Die Auswirkungen von Agent Orange, 1982

Wendy Watriss – Die Auswirkungen von Agent Orange, 1982

Schonungslos offenbarte die Fotografin in ihrer Schwarzweiß-Serie die verheerenden Folgen des im Vietnamkrieg eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange für die US-Veteranen. Mit ihren empathischen Porträts der Kriegsteilnehmer und ihrer Familien überzeugte sie nicht nur die damalige Jury des Word Press Photo Awards – auch der dritte Leica Oskar Barnack Award ging 1982 an die Fotografin.

Es waren nicht nur die Veteranen selbst, die an den Spätfolgen des Gifts litten, sondern auch ihre Kinder und Familie waren vielfach betroffen. Vor allem das Dioxin in dem im Vietnamkrieg eingesetzten Entlaubungsmittel war für schwere Hautkrankheiten, Leberschäden, Autoimmunerkrankungen, Krebs, Muskelschwund und andere Symptome verantwortlich. Deutlich wurden die Spuren des Gifts auch bei den Kindern der ehemaligen Kriegsteilnehmer, die oft mit erheblichen Gesundheitsproblemen und genetischen Missbildungen geboren wurden. Jahrelang wurde diese Realität in der Öffentlichkeit kaum thematisiert, vielfach bewusst verschwiegen und verdrängt.

„Auch der LOBA verlieh meinen Bemühungen um die Verabschiedung staatlicher und nationaler Gesetze zur Unterstützung der Vietnamveteranen Glaubwürdigkeit. Die Verleihung des LOBA ermutigte auch eine Reihe von Museen, Universitäten und Fotografie-Institutionen, die ‚Agent Orange‘-Serie in den USA und im Ausland zu zeigen.“

Der Arbeit von Wendy Watriss kam daher eine wichtige Rolle zu: Sie gab mit ihrer Serie den vielen Betroffenen eine Stimme und dem Drama Sichtbarkeit. Und sie sorgte für Aufsehen, denn mit ihrer sachlichen, dabei sehr wohl herausfordernden Bildsprache erschütterten die Bilder umso mehr. Nach Veröffentlichungen in „Life“ und im „Texas Observer“ fanden die Aufnahmen schnell auch internationale Verbreitung und wurden unter anderem im deutschen Magazin „Stern“ gedruckt. Watriss wurde zur Streiterin für die Rechte der Veteranen und ihren Familien, ihr gesellschaftliches und politisches Engagement sollte Spuren hinterlassen. „Agent Orange“ steht für den militärischen Namen des Mittels, das die US-Streitkräfte in Vietnamkrieg zur großflächigen Entlaubung und Zerstörung von Nutzpflanzen einsetzten und großflächig aus Flugzeugen und Hubschraubern versprühten. Der Name stammt von den orangefarbenen Streifen, mit denen die Fässer gekennzeichnet waren. Die Wirkung war nicht nur für die Vietnamesen, sondern auch für die dem Gift ausgesetzten US-Truppen fatal.

In der Recherche für ihre Serie lag die größte Herausforderung für die Fotografin darin, die Opfer zu finden und zu überzeugen, ihre Geschichte sichtbar werden zu lassen: „Ich sagte ihnen, dass ich eine Geschichte machte, die zeigen würde, dass ihr Leiden real und ihre Erfahrung beängstigend war. Ich bat sie, sich selbst und ihre Verwundbarkeit zu offenbaren“, erinnert sich die Fotografin, die in ihrer Recherche immer deutlicher die Auswirkungen des Gifts erkannte: „Je mehr ich lernte, desto wütender wurde ich. Ich musste Glaubwürdigkeit und Vertrauen aufbauen. Als Zivilistin brauchte es Wissen, Zähigkeit, Ausdauer, Sanftmut und die Fähigkeit, Selbstvertrauen zu vermitteln. Vor allem aber die Fähigkeit, ernsthaft zuzuhören.“ Aus der Arbeit und Recherche der Fotografin erwuchsen in der Folgezeit echte soziale Veränderungen. Ihre Bilder sorgten für Aufmerksamkeit und Anerkennung der gesundheitlichen Folgen, sodass Gesetze zur Initiierung medizinischer Forschung eingeführt wurden und die Gesundheitsprobleme offiziell als Kriegsverletzung anerkannt wurden, wodurch die von Agent Orange betroffenen Vietnamveteranen Anspruch auf medizinische Behandlung erhielten. Die Folgen dieser Arbeit reichen bis in die Gegenwart, denn die damals von Aktivisten unternommenen Schritte haben später Veteranen aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan geholfen, sich zu organisieren und ihre Rechte einzufordern.

„Aufgrund der Auszeichnungen beim Leica Oskar Barnack und World Press Photo Award und dessen, was ich auf praktische Weise erreichen konnte, um den Umgang mit chemischen Waffen zu ändern, ist diese Arbeit zu einem Beispiel dafür geworden, wie man die Dokumentarfotografie nutzen kann, um soziale Veränderungen zu erreichen.“

Im Rückblick sieht auch die Fotografin die Serie, die sie mit einer Leica M und einer Canon-Kamera erarbeitete, als eine der wichtigsten ihres Gesamtwerks: „Die ‚Agent Orange‘-Serie steht im Zentrum meines Lebens und meines Glaubens an die Notwendigkeit, für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Das war durch den Schmerz und das Leid derer, die im Mittelpunkt der Serie standen, emotional schwierig. Ich konnte weggehen, aber sie würden ein Leben lang damit leben müssen. Sie mussten in diesem Prozess so viel von sich selbst geben. Ihr Mut ist immer ein Teil von mir. In mancher Hinsicht ist mein Leben eine unsichtbare Hommage an sie.“

„Ich sage oft, dass diese Art der Fotografie nicht unbedingt ein Generator für den Wandel ist. Aber sie kann als Katalysator und Werkzeug bemerkenswert wirksam sein, wenn der Fotograf bereit ist, den nächsten Schritt zu tun, nämlich die Menschen und Institutionen zu organisieren und zusammenzubringen, die materielle Veränderungen bewirken können.“

Wendy Watriss

1943 in San Francisco geboren, wuchs Watriss in Griechenland, Spanien, Frankreich und den USA auf. Ihr Studium an der New York University schloss sie mit Auszeichnung ab, arbeitete als Zeitungsreporterin in Florida und später als Produzentin von Dokumentarfilmen. Ab 1970 war sie als freiberufliche Autorin und Fotografin tätig. Gemeinsam mit Fred Baldwin und der deutschen Kunsthistorikerin Petra Benteler gründete sie 1983 das FotoFest International in Houston, Texas, und war für viele Jahre dessen leitende Kuratorin. Zahlreiche Veröffentlichungen und Auszeichnungen, darunter die Icon of Photography der National Society of Photographic Education. Ihre Archive gehen an das Briscoe Center for American History an der University of Texas in Austin. Die Menil Collection in Houston verfügt über eine umfangreiche Sammlung ihrer Werke.