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Christopher Steele-Perkins – Lernen, mit dem Thalidomid-Problem zu leben – 20 Jahre danach, 1988

Christopher Steele-Perkins – Lernen, mit dem Thalidomid-Problem zu leben – 20 Jahre danach, 1988

20 Jahre nachdem einer der größten Skandale der Pharma-Industrie aufgedeckt worden war, fotografierte Christopher Steele-Perkins die Menschen, die mit den Folgen der medizinischen Katastrophe zu leben hatten. 1988 erhielt er für seine Serie den Leica Oskar Barnack Award.

Sie schneiden ihre Hochzeitstorte oder spielen Billard mit den Füßen. Sie sitzen im Rollstuhl, werden gebadet, steigen ohne Arme auf ein Pferd. Die Bilder, die der Magnum-Fotograf Chris Steele-Perkins in den 80er-Jahren von Opfern des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid machte, sind erschütternd und beeindruckend. Gezeichnet von Missbildungen, sieht man Menschen, die trotz aller Hindernisse versuchen, ihr Leben zu meistern. Der Contergan-Skandal war der größte Arzneimittelskandal der 1950er- und 1960er-Jahre. Als Ende der 1950er-Jahre immer mehr Kinder mit fehlenden Gliedmaßen geboren werden, wurden verschiedene Ursachen diskutiert, erst 1961 erkannten Mediziner den Zusammenhang zwischen Missbildungen und dem mit synthetischen Wirkstoffen hergestellten Beruhigungsmittel. Das Medikament, seit 1957 auf dem Markt, konnte während einer Schwangerschaft schwerwiegende Schädigungen ungeborenen Lebens auslösen. Insgesamt kamen etwa 10.000 Kinder mit Missbildungen auf die Welt. Contergan wurde zum Synonym für eine Katastrophe.

„Es ist eine Ehre, wenn deine Arbeit durch einen angesehenen Preis wie den Leica Oskar Barnack Award anerkannt wird.“

Die britische Zeitung „Sunday Times“ trug damals wesentlich dazu bei, den Skandal an die Öffentlichkeit zu bringen. Als Steele-Perkins 20 Jahre nach dem Pharma-Schock für die „Sunday Times“ tätig war, hatte er die Idee, eine Serie über die Opfer zu machen. „Ich schlug der Redaktion vor, dass es interessant wäre, zu zeigen, wie es einigen der Menschen ging, die durch Contergan vergiftet wurden und nun Erwachsene waren“, erzählt er. Die Zeitung beauftragte ihn, die Serie wurde Titelgeschichte und auch von verschiedenen internationalen Zeitschriften veröffentlicht. 1988 gewann er für „Lernen, mit dem Thalidomid-Problem zu leben“ den Leica Oscar Barnack Award, eine Ehre für ihn, wie er sagt.

Die Farbbilder zeigen einen ganz normalen Alltag. Eine Familie sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa, ein Brautpaar steht vor dem Standesbeamten, ein Mann im Anzug sortiert Akten, eine Mutter füttert ihr Kind. So, als wäre die Kamera gar nicht da, wird der Betrachter Zeuge der Realität. Arbeit, Büro und Heim. Hobby, Liebe und Freundschaft. Nichts auf den Fotografien wirkt gestellt oder inszeniert. „Mein fotografischer Ansatz ist beobachtend“, erklärt Chris Steele-Perkins seine Herangehensweise. „Ich erfahre etwas über die Person, indem ich mit ihr spreche, Zeit mit ihr verbringe und sie dann ermutige, ihr Leben so weiterzuführen, als würde ich nicht fotografieren. Ich übernehme keine Regie, sondern lasse sie sich natürlich verhalten.“

„Der unternehmerische und politische Missbrauch der Umwelt und der von Einzelnen, geht heute auf unterschiedliche Weise weiter – wie etwa beim Klimawandel. Ich habe gezeigt, wie das Leben durch diese Missbräuche beeinträchtigt wurde, und schrittweise arbeite ich weiterhin an Geschichten über diese Formen der Ausbeutung.“

Gerade in dieser Nähe und Ungezwungenheit liegt das Besondere und Berührende der Aufnahmen. Sie erzählen von dem Versuch der Contergan-Opfer, wie alle anderen Menschen zu leben – trotz ihrer Narben und der Beeinträchtigungen, unter denen sie leiden. Sie haben gelernt, die Hürden ihres Daseins zu bewältigen und die Fehlbildungen mit anderen Mitteln zu kompensieren. Man spürt ihren starken Willen und Charakter, das lässt sie auf den Fotografien als Helden erscheinen. Zugleich aber sind die Bilder auch eine Kritik an Machtmissbrauch und Konsumherrschaft. „Der unternehmerische und politische Missbrauch der Umwelt und der von Einzelnen“, sagt Steele-Perkins heute, „geht auf unterschiedliche Weise weiter – wie etwa beim Klimawandel. Ich habe gezeigt, wie das Leben durch diese Missbräuche beeinträchtigt wurde, und schrittweise arbeite ich weiterhin an Geschichten über diese Formen der Ausbeutung.“ Zwar glaube er nicht, dass er dadurch die Welt verändern könne, sagt er. Aber manchmal klinge seine Stimme in dem Ruf nach einer besseren Welt mit.

„Ich glaube nicht, dass ich die Welt verändere, aber manchmal klingt meine Stimme in dem Ruf nach einer besseren Welt mit.“

Christopher Horace Steele-Perkins, 1947 in Burma geboren, wuchs in Großbritannien auf. Nach einem Studium der Psychologie entschied er sich, in London als Pressefotograf zu arbeiten. Seit über 40 Jahren ist er Mitglied der Agentur Magnum Photos und genauso lange liefert er mit seinen Bildern Erzählungen über die britische Gesellschaft. Viele seiner Werke entstanden aber auch auf seinen zahlreichen Reisen – etwa nach Afghanistan, Japan und Afrika.

Porträt: © Miyako Yamada