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Anastasia Taylor-Lind

Anastasia Taylor-Lind: 5km from the Frontline

Seit 2018 verfolgt die Fotografin in ihrem Langzeitprojekt das Leben von drei Familien aus dem Donbass. In der hier veröffentlichten Bildauswahl stellt sie die verheerenden Auswirkungen des Krieges auf die Umwelt in den Mittelpunkt – die zugleich auch dramatische Konsequenzen für den Menschen haben.

Im Frieden umsäumen Pappeln die Straßen des Donbass, wehen die grünen Blätter der großen, eleganten Bäume leise im Wind, als würden sie jedem vorbeifahrenden Auto freundlich zuwinken. Im Sommer schützen sie die Landschaft vor Staub, im Winter vor dem Schnee. Spätestens seit dem Jahr 2022 aber, seit der groß angelegten militärischen Invasion Russlands in der Ukraine, hat sich die Umwelt im ganzen Land enorm verändert, hinterlässt der Krieg seine Spuren in einer eigentlich für das Leben gedachten Umgebung. Die Pappeln werden gefällt und übernehmen im Kampf eine neue Funktion des Schutzes, die den Begriffen Deckung, Abschirmung und Bewachung näherkommt als denen von Ruhe, Beistand und Geborgenheit. „Eines der Dinge, die passieren, ist zum Beispiel, dass Bäume, die ursprünglich zu Zwecken der Gestaltung gepflanzt wurden, jetzt als Straßensperren verwendet werden“, erzählt Anastasia Taylor-Lind. „Alle Bereiche der Landschaft, und dies speziell im Donbass, wurden durch den Krieg beeinflusst: Flora, Fauna, Wasserquellen, Flüsse, Boden. Es gibt Verletzungen und Tod, nicht nur unter den Menschen, sondern auch bei allen Formen des Lebens.“

„Für mich bedeutet die Arbeit in der Ukraine, von den offensichtlich verheerenden Auswirkungen auf das Leben der Menschen zu berichten.“

5km from the Frontline ist ein laufendes Projekt der britischen Fotografin, das sie gemeinsam mit der Anthropologin und Journalistin Alisa Sopova umsetzt. Bereits 2014 reiste Taylor-Lind in den Donbass, um dort über die Erfahrungen der Zivilbevölkerung unter russischer Besatzung zu berichten, seit 2018 verfolgen sie und Sopova, die selbst aus Donezk stammt, den Alltag von Menschen und Familien, die vor dem Hintergrund des Krieges vor neuen Herausforderungen stehen: Flucht, Vertreibung, Trennung, Überlebenskampf. Im Jahr 2020 stand sie für ihre einfühlsame Porträtserie schon einmal auf der Shortlist des Leica Oscar Barnack Awards – nun untersucht sie mit ihren Aufnahmen speziell die Umweltauswirkungen des Krieges, der in dieser Region mehr als ein Jahrzehnt andauert. Gefördert von der National Geographic Society erforscht das Reporterteam, wie sich Materialien, Objekte und Landschaften verändern, wie sich die massive Umweltzerstörung in der Ukraine auswirkt – vor allem auf die Bevölkerung. „Wir haben uns auf den östlichen Teil des Donbass konzentriert, wo der Krieg begonnen hat“, sagt Taylor-Lind. „Das ist ein sehr industrielles Gebiet, in dem wir nicht nur eine katastrophale Zerstörung der Flora, Fauna und Gewässer wahrnehmen, sondern auch den Niedergang der Industrie. Die geschlossenen Fabriken stellen genauso eine Gefahr für die Umgebung dar, denn wenn sie nicht zugänglich sind, kann dies zu enormen Umweltschäden führen.“

„Das Projekt besteht aus zwei Teilen: Zum einen geht es darum zu recherchieren, vor Ort zu arbeiten und die Fotos zu machen. Zum anderen darum, die Bilder in die Welt hinauszutragen.“

Ihre Bilder zeigen oft Details, die eine ganze Geschichte erzählen: ein Warnschild neben dem Feldweg, der durch ein Minenfeld führt, eine zerstörte Brücke über dem Fluss, ein Absperrband an einem Weizenfeld, das von Blindgängern befreit wurde. Hinter jeder Aufnahme lässt sich erahnen, welche Konsequenzen der Krieg für die Natur und damit für den Alltag hat, wie unerreichbar Wege, Straßen und Orte auf einmal sind. Oder anders ausgedrückt: In einem Krieg gleicht jeder Ausflug ins Leben einem Schritt in die Ungewissheit.

Vorgeschlagen wurde Anastasia Taylor-Linds Serie von David Y. Lee, der in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehörte.

Anastasia Taylor-Lind

Die britisch-schwedische Fotoreporterin wurde 1981 geboren. Sie arbeitet seit zehn Jahren mit der Journalistin und Anthropologin Alisa Sopova zusammen, im Jahr 2023 erhielt sie für ihre Langzeitreportagen aus der Ostukraine den Canon Female Photojournalist Award. Taylor-Lind ist National Geographic Society Explorer, TED Fellow und 2016 Nieman Fellow an der Harvard University.


www.anastasiataylorlind.com

Porträt: © Julia Kochetova