Arlette Bashizi: Beyond Numbers
Die Menschen im Osten der Demokratischen Republik Kongo leiden seit vier Jahren unter dem Krieg zwischen der Rebellengruppe M23 und der kongolesischen Armee. 7,8 Millionen mussten aufgrund der Kämpfe ihr Zuhause verlassen. Mit der Serie Beyond Numbers rückt die kongolesische Fotografin die Schicksale hinter den Statistiken in den Vordergrund und mahnt an einen Konflikt im Schatten der Weltöffentlichkeit.
Eine junge Frau sitzt aufrecht auf dem Bett eines mobilen Versorgungszelts des Missionskrankenhauses in Goma, einer Millionenstadt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Mit ernstem Gesicht schaut sie zur Seite. In der linken Hand hält sie ihre neuen Krücken. Im Mai 2024 verlor sie bei einem Bombenanschlag der M23-Rebellen auf das Lager, in dem sie mit ihrer Familie lebte, ein Bein. Ihr Name ist Hope Mabuya. Sie ist eine der rund 7,8 Millionen Binnenvertriebenen in der Demokratischen Republik Kongo (Stand Ende 2024), die aufgrund des anhaltenden Krieges zwischen Rebellengruppen und der kongolesischen Armee ihr Zuhause verlassen mussten und in eines der Lager nahe der Stadt geflüchtet sind.
„Die Zeit, die ich mit ihnen [den Menschen] verbrachte, zeigte mir, welche ewigen Narben dieser Krieg im Leben von Menschen hinterlässt – physisch und psychisch. Und trotzdem sah ich auch ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft und ihre Resilienz beim Wiederaufbau ihres Lebens nach dem Krankenhausaufenthalt.“
Seit Jahrzehnten befindet sich das Land in einer humanitären Krise – geprägt von der ausbeuterischen Kolonialherrschaft Belgiens bis in die späten 1950er-Jahre, der mehr als 30-jährigen Diktatur, politischer Instabilität und Massenvertreibungen. Als zweitgrößter Staat Afrikas verfügt die Demokratische Republik Kongo vor allem im östlichen Teil des Landes über reiche Vorkommen von Gold, Kobalt, Coltan und Kupfer – Ressourcen, die das Land zugleich verwundbar machen. Seit vier Jahren liefern sich die vom Nachbarland Ruanda unterstützten M23-Rebellen erbitterte Kämpfe mit der kongolesischen Armee. Dabei es geht um Macht, politischen Einfluss und den Zugriff auf die begehrten Rohstoffe.
„Für Frauen ist es in diesem Land schwer, den Beruf der Fotografin auszuüben, besonders während der letzten vier Jahre des Krieges. Aber ich behalte immer im Hinterkopf: Kein Bild oder keine Geschichte ist mein Leben oder meine Sicherheit wert.“
In der Serie Beyond Numbers rückt die Fotografin Arlette Bashizi Schicksale wie das von Hope in den Fokus ihrer Bilder, die von Krieg, Vertreibung aber auch von Stärke und Widerstandskraft erzählen. „Wenn die Welt über diesen Konflikt spricht, geht es meist nur um Zahlen – doch hinter diesen Zahlen stehen Menschen mit Namen. Indem ich durch Projekte wie Beyond Numbers die Geschichten von Vertriebenen erzähle, versuche ich, den Statistiken ein menschliches Gesicht zu geben“, so Bashizi. Auch als der Konflikt Ende Januar 2025 erneut eskalierte und M23-Rebellen ihre Heimatstadt Goma gewaltsam einnahmen, war sie mit ihrer Kamera vor Ort. „Als lokale Fotografin, die in einer von jahrzehntelangem Krieg betroffenen Region geboren und aufgewachsen ist, sehe ich es als meine Verantwortung, die Welt darüber zu informieren, was in meinem Land geschieht und gleichzeitig für kommende Generationen ein Archiv zu schaffen“, erklärt sie.
Ihre Bilder dokumentieren den Alltag der Menschen mit eindrucksvoller Lebendigkeit und Präzision. Doch ihre Serie ist mehr als reine Dokumentation. Bashizi ist nicht nur Beobachterin, sondern auch ein Teil des Geschehens – Chronistin und Kämpferin zugleich. Mit Feingefühl und Würde zeigt sie die Mitglieder ihrer Gemeinschaft in all ihren Facetten. „Ich nutze meine Kamera, um unsere Stimmen zu verstärken. Jedes Mal, wenn ich ein Foto machen will, frage ich mich: Würde ich wollen, dass jemand aus meiner Familie so fotografiert wird?“ Solange sich die Situation für ihre Gemeinschaft vor Ort nicht verbessert bleibt Beyond Numbers ein fortlaufendes Projekt. Bashizi plant, ihre Arbeit auf die gesamte Region des Ostkongos auszuweiten – für eine menschlichere Darstellung eines Konflikts im Schatten der Weltöffentlichkeit.
Vorgeschlagen wurde Arlette Bashizis Serie von Fiona Wachera, die in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehörte.

Arlette Bashizi
wurde 1999 in Bukavu, Demokratische Republik Kongo, geboren. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Mineralienabbau zur Deckung der westlichen Nachfrage, den Folgen des Klimawandels sowie dem Konflikt zwischen M23-Rebellen und der kongolesischen Armee in ihrer Heimat mit besonderem Fokus auf Frauen und jungen Leuten. Bashizi arbeitet für internationale Medien wie die New York Times, die Washington Post, den Guardian und den Spiegel sowie für die Agentur Reuters und als Beraterin für UN-Organisationen.
Porträt: © Daniel Bitita