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Gideon Mendel

Gideon Mendel: Deluge

In einer Ästhetik, die an Porträtmalerei erinnert, fotografiert Gideon Mendel seine Protagonisten vor ihren Häusern. Die von Wassermassen zerstörte Umgebung steht gleichwertig neben den Personen, wodurch ein Dialog zwischen Mensch und Katastrophe entsteht. Die situationsbedingten Spiegelungen nutzt der Fotograf als stilistisches Element.

Die archetypische Kraft des Wassers dient auch in Mendels Serie Deluge als universale Metapher für drohende Überforderung durch den Klimawandel. Mit seiner Arbeit will Mendel Aufmerksamkeit und Empathie erzeugen. Seine Bildsprache ist dokumentarisch, menschenzentriert und nahezu poetisch. Seine Bilder berühren durch leise Intensität; sie vermeiden Voyeurismus und Sensationslust. Mit seinen Katastrophenbildern trifft der Fotograf ruhige, empathische, aber oft erschütternde visuelle Aussagen über menschliche Verletzlichkeit und globale Ungerechtigkeit.

Um seine Arbeit stilistisch von anderen aktivistisch motivierten Serien abzuheben, folgt er einem der Ästhetik verpflichteten Konzept mit klarem formalem Aufbau: Seine Protagonisten platziert er zentral im Bild, inmitten ihrer überfluteten Umgebung. Die sitzenden oder stehenden Personen blicken ruhig, aber herausfordernd in Richtung des Fotografen, ohne Mimik oder Gestik. Auf dem Bild herrscht eine paradoxe Ruhe im Chaos. Durch die aktionslosen Posen vermeidet Mendel irritierende Wasserbewegungen. Dadurch wirken seine Ganzkörperporträts nahezu surreal und erreichen eine fast traumgleiche Qualität, während sie zugleich die Katastrophe anhand individueller Schicksale sichtbar machen. 

„Ich habe einen Hang zu überschwemmten Landschaften. Es gibt dort Reflexionen, wo normalerweise keine sind. Grafisch ist das interessant.“

Mit seinen Inszenierungen konstruiert Mendel ein Spannungsgeflecht zwischen Stille und Katastrophe, Normalität und Zerstörung. Seine ästhetisch kontrollierten Kompositionen, in denen Ruhe und Symmetrie dominieren, sind in die chaotische Wirklichkeit der Überschwemmung eingebettet. Schlamm, Trümmer und Wasser setzt Mendel in seinen Bildern als vermeintlich kontrollierbare Elemente ein, darunter vor allem eine glatte Wasseroberfläche. Sie ist die zentrale Komponente in Mendels Bildern. Die vorhandenen Spiegelungen, die reizvolle optische Effekte erzeugen, nutzt er für seine Kompositionen.

Bei genauem Nachdenken darüber, was hinter der Kamera passiert, wird deutlich, welche Anstrengung der Fotograf für jedes Motiv auf sich nimmt: Auch er muss sich ins Wasser begeben und oft mehrere Kilometer durch teilweise brusthohe Pegelstände waten. Er bevorzugt das gegenüber der Möglichkeit, in einem Boot zu fahren. Während er sich im Wasser bewegt, muss er gleichzeitig auf seine Kamera achten: „Technisch gesehen ist es nicht sicher, diese Art von Fotografie zu machen. Im Laufe der Jahre habe ich Kameras zerstört. Wasser ist nicht der intelligenteste Ort für sie, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich habe deshalb nicht mehr als ein Gerät dabei“, sagt Mendel mit leicht ironischem Unterton. Da seine Protagonisten direkt in die Kamera schauen, entsteht eine emotionale Offenheit. Sie hebt sich von vielen klassischen Katastrophenbildern ab, die auf Distanz oder Dramatik setzen. Mendels konsequenter Bildaufbau schafft globale Vergleichbarkeit – ein Mensch aus Afrika, Lateinamerika oder Europa steht gleichrangig im Fokus, um eventuelle koloniale oder klassenbedingte Hierarchien zu unterlaufen. Die übergeordnete Ruhe in Mendels Bildern regt dazu an, genauer hinzusehen, statt das Bild nur emotional zu konsumieren.

Vorgeschlagen wurde Gideon Mendels Serie von Brad Feuerhelm, der zur diesjährigen Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehörte.

Gideon Mendel

Geboren 1959 in Johannesburg, Südafrika. Nach dem Studium der Psychologie und der afrikanischen Geschichte begann er, als Autodidakt zu fotografieren. Seine Fotografien erschienen in internationalen Magazinen. Für seine Arbeiten wurde Mendel mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem W. Eugene Smith Award for Humanistic Photography, sechs World Press Photo Awards und dem Amnesty International Media Award for Photojournalism. Bereits 2017 war er mit Drowning World auf der LOBA-Shortlist.

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Porträt © Jonathan Pierredon