Ivor Prickett: War on the Nile – Fragmented Sudan
In der humanistischen Tradition, die den Menschen in den Fokus stellt, gelingt dem Fotografen nicht nur die Übermittlung von Ist-Zuständen, sondern neben faktischen Bildern transportieren seine Motive auch ein großes Repertoire an Emotionen, bis hin zu Freude und Optimismus inmitten einer Welt aus Mangel und Zerstörung.
Wie viele Vertreter der humanistischen Fotografie dokumentiert Ivor Prickett nicht nur das Geschehen an den Kriegsfronten, sondern stellt vor allem das Leid, die Würde und die Schicksale der betroffenen Menschen in den Mittelpunkt. Im Sudan widmete er sich vorrangig der Zivilbevölkerung. Er begleitete Opfer, Flüchtlinge, Überlebende und Trauernde mit der Kamera – nah dran, mit viel Respekt und Raum für Würde. Pricketts Ziel ist es, sowohl Interesse als auch Mitgefühl zu wecken, statt zu schockieren. Obwohl die große humanitäre Krise in Sudan keine schönen Bilder verspricht, gelingt es dem Fotografen durch viel Sinn für Komposition und die Sensibilität für Gefühle, auch visuelle Metaphern für Freude und Hoffnung zu finden: Da sind beispielsweise spielende Kinder und Jugendliche in einem Flüchtlingslager, denen in der Kargheit der wüstenähnlichen Umgebung das Turnen zwischen Zeltstangen ein Lachen ins Gesicht zaubert. Prickett gelingt es, bei Bara’a Ahmed, einem schwer unterernährten, 18 Monate alten Mädchen, einen positiv wirkenden Gesichtsausdruck einzufangen, als es in einem Kinderernährungszentrum in Port Sudan auf dem Behandlungstisch liegt und von UNICEF-Sanitätern Infusionen erhält.
„Ich möchte, packende, informative und journalistisch fundierte Bilder machen, die über den Tellerrand hinausgehen.“
Der Krieg im Sudan hat zu einer der schlimmsten Hungersnöte seit Jahrzehnten geführt. Knapp die Hälfte der Bevölkerung leidet unter akuter Nahrungsmittelknappheit. In der koptischen Kirche von Marmina in Omdurman, Anfang 2024 von RSF-Truppen befreit, schwer beschädigt und geplündert, fing Prickett durch Staub verstärkt sichtbar gemachte Sonnenstrahlen an der durchlöcherten Decke des Kirchenschiffs ein: eine bewegende Lichtbotschaft inmitten von Zerstörung.
Sein Handwerk hat Prickett im Studiengang Dokumentarfotografie an der University of Wales gelernt, einer Einrichtung, die bereits seit 100 Jahren praktische und theoretische Grundlagen des Mediums vermittelt. Im Vorfeld seines Studiums arbeitete er schon als Teenager in der Schule an seinem Portfolio und besuchte einen Kurs in analoger Schwarzweißfotografie in Dublin. Danach war für ihn klar, dass er Fotograf werden wollte. Zu seinen Einflüssen und Vorbildern sagt er: „Es gab viele Fotografen, zu denen ich aufgeschaut und von denen ich zu Beginn meiner Karriere gelernt habe. An der Universität haben mich die Arbeiten von Don McCullin, Larry Burrows und W. Eugene Smith stark beeinflusst, als ich mich mit der Geschichte des Fotojournalismus beschäftigte.“ Kontinuierlich verfolgte er seinen Weg. Im Jahr 2012 verlegte er seinen Wohnsitz nach Istanbul, um näher am Nahen Osten zu sein, neben dem Sudan sein zweites großes Sujet. Unter den zeitgenössischen Fotografen, die ihn beeinflusst haben, nennt Prickett Eugene Richards, Paolo Pellegrin, Simon Norfolk und Ron Haviv. Als Dokumentarfotograf ist er auch vermittelnd in der Medienlandschaft aktiv und berichtet in verschiedenen Formaten und Interviews über seine Erfahrungen und seine Perspektive auf Krisen- und Kriegsfotografie.
Vorgeschlagen wurde Ivor Pricketts Serie von Manila Camarini, die zur diesjährigen Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehörte.

Ivor Prickett
Geboren 1983 in Cork, Irland. Er studierte Dokumentarfotografie an der University of Wales in Newport. Für seine Arbeiten kooperiert er mit Organisationen wie Save the Children und dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR). Prickett wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 2016 mit dem Taylor Wessing Portrait Prize und 2018 mit dem World Press Photo Award (Kategorie „General News Stories“). Daneben war er 2018 Finalist beim Pulitzer-Preis und 2019 beim Prix Pictet. Derzeit lebt er in Istanbul.
Porträt: © Masiar Pasquali