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Jodi Windvogel

Jodi Windvogel: Life Under Occupation – Cissie Gool House

Verdrängung, Stadterneuerung und ungerechte Umweltbedingungen: Die Besetzung des Cissie Gool House in Kapstadt 2017 war ein Akt des Widerstands gegen ein System, das marginalisierte Gruppen an die Peripherie drängt. Die Fotografin untersuchte 2024 und 2025 in ihrem Projekt, wie Gemeinschaften städtische Räume zurückerobern und beleuchtet anhand des täglichen Lebens die tiefe Beziehung zwischen den Menschen und ihrer Umgebung.

Man nannte sie „Jeanne d’Arc“ oder „Juwel des sechsten Bezirks“ – die südafrikanische Bevölkerung verehrte die Anti-Apartheid-Politikerin Zainunnisa „Cissie“ Gool, Gründerin der Nationalen Befreiungsliga, die sich stets, bis zu ihrem Tod im Jahr 1963, für die Armen einsetzte. Als im Jahr 2017 Aktivisten von „Reclaim the City“ das verlassene Woodstock Hospital in Kapstadt besetzten, belebten sie damit nicht nur vernachlässigte Räume wieder, sondern auch ihren Namen, ihre Person und ihren Kampf für Gerechtigkeit.

„Die LOBA-Nominierung ist eine Ehre, nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen im Cissie Gool House. Sie erinnert mich daran, dass die Fotografie eine Brücke zwischen übersehenen Gemeinschaften und der breiteren Öffentlichkeit sein kann.“

Das Cissie Gool House ist ein Ort des Widerstands, eine Antwort auf die Wohnungskrise in Kapstadt, eine Zufluchtsstätte für fast 2000 Menschen. „Für mich ist das Cissie Gool House eine sehr persönliche Angelegenheit, sowohl geografisch als auch gefühlsmäßig“, sagt die Fotografin. „Die Geschichte des Hauses ist mit der Geschichte der farbigen Gemeinschaft in Kapstadt verbunden, die auch meine eigene ist. Diese Gemeinschaft durch Fotografie zu dokumentieren, fühlte sich wie eine natürliche Erweiterung meiner Beziehung zu diesem Ort an.“

Über ein Jahr lang hat Jodi Windvogel die Bewohner des Hauses besucht und ihnen zugehört, sie hat an Treffen und Protesten teilgenommen, bevor sie überhaupt das erste Foto aufnahm. Ihr respektvoller, intimer Zugang ermöglichte ein Vertrauen, das Verletzlichkeit und den Raum für ehrliche Geschichten schuf. Ihre Bilder zeigen ruhige, persönliche Momente der Bewohner, Porträts in ihren Zimmern, tägliche Routinen und die Art, wie sie sich an die Umgebung anpassen und umeinander kümmern. „Ich wollte deutlich machen, dass alternative Lebensformen in der Stadt nicht nur möglich sind, sondern auch schon praktiziert werden“, erzählt Windvogel. „Das Cissie Gool House beherbergt Menschen, die an den Rand gedrängt wurden und dennoch eine lebendige, organisierte Gemeinschaft im Zentrum von Kapstadt aufgebaut haben. Mit dieser Arbeit wollte ich ihre Widerstandsfähigkeit, ihr Recht auf die Stadt und die alltägliche Schönheit und Würde ihres Lebens hervorheben.“

„Diese Geschichte ist ein Aufruf zu überdenken, wie Städte strukturiert sind und für wen.“

Der Schriftzug „Land for people, not for profit“ (Land für Menschen, nicht für den Profit) ziert die Wand in der Eingangshalle des Cissie Gool House. Und so haben die Menschen ihr neues Land erobert: In einem Ambiente mangelnder Infrastruktur, oft ohne fließendes Wasser, gibt es eine Bibliothek, gemeinsame Mahlzeiten, Spiele für die Kinder, Filmabende. Die Flure sind voller Leben – und dieses Leben hält die Fotografin in satten Farben und mit emotionalen Stilmitteln aus weichem, natürlichem Licht und Spiegelungen fest. Mit ihrer fotografischen Herangehensweise geben ihre Aufnahmen gleichsam ein anderes Bild von Armut wieder, jenes, das die Menschen nicht bemitleidet, sondern respektiert. Die Serie Life Under Occupation stellt den Diskurs über Wohnungsbau und Stadtplanung infrage, erzählt von einer radikalen, bürgernahen Alternative, die auf Würde, Solidarität und Fürsorge beruht. Vor allem aber erinnert sie daran, dass Wohnen ein Menschenrecht ist.

Vorgeschlagen wurde Jodi Windvogels Serie von Fiona Wachera, die in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehörte.

Jodi Windvogel

Die südafrikanische Dokumentarfotografin und Filmemacherin wurde 1992 geboren. Ihre Werke befassen sich mit der Komplexität von Land, Erinnerung, Geschlecht und Vertreibung, in ihren Arbeiten versucht sie, Stereotypen aufzubrechen und Erzählungen über marginalisierte Gemeinschaften neu zu gestalten. Die Fotografin ist Mitglied der African Photojournalism Database (APJD) und von Women Photograph und wurde für ihr Projekt über Femizid in Südafrika mit dem Fujifilm GFX Challenge Grant 2023 ausgezeichnet.

jodiwindvogel.format.com

Porträt: © Jodi Windvogel