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Lynsey Addario

Lynsey Addario: “Mom, I Want to Live” – A Young Girl Battles War and Cancer

Ein Retinoblastom, ein seltener Augenkrebs, wurde im Jahr 2020 bei der zweijährigen Sonya Liakh diagnostiziert. Vier Jahre später begleitet die Fotografin das Mädchen in einer Zeit, in der ein Krieg längst seine Spuren tief in der Gesellschaft hinterlassen hat. Die Serie erzählt fernab der Hauptschauplätze von den Wirren in der vom Leid zerrissenen Ukraine –und wirft ein Licht auf die Auswirkungen des Krieges für die Bevölkerung.

Ein Krieg wirft große Schatten. Sie überqueren die Straßen, schlängeln sich durch Landschaften, dringen bis in die kleinsten Räume der Gesellschaft. So lange, bis auch dort die Dunkelheit einkehrt und mit dem vergehenden Lichtstrahl gleichsam der letzte Funken Hoffnung verglüht. Als sich Sonya Liakh, drei Jahre alt, im Ochmatdyt-Krankenhaus in Kiew am 27. Februar 2022 einer Chemotherapie unterziehen sollte, kam es nicht dazu. Drei Tage zuvor hatte Russland eine brutale Invasion der Ukraine gestartet; Sonya wurde gemeinsam mit ihrer Mutter Natalia nach Polen evakuiert. Es dauerte sechs Monate, bis sich das kleine Mädchen erneut in Behandlung begeben konnte – bis dahin hatte sich der Krebs bereits in ihrem Körper ausgebreitet.

„Meine Aufgabe ist es, der breiten Öffentlichkeit die Realität vor Ort zu vermitteln, und mich idealerweise auf Geschichten zu konzentrieren, die nicht ausreichend erzählt werden – die Geschichten von Menschen am Rande der Gesellschaft.“

Mom, I Want to Live ist die Geschichte eines Kindes, das im Schatten des Krieges sein Leben verlor. Dessen Tod hätte verhindert oder zumindest hinausgezögert werden können, wenn die medizinischen Einrichtungen des Landes nicht überlastet gewesen oder stillgelegt worden wären. Zugleich erzählt das fotografische Projekt von dem zähen Kampf eines Mädchens gegen eine unter normalen Umständen heilbare Form von Augenkrebs, das seine letzten Lebensmonate im Krankenhaus, auf dem Spielplatz und im Kinderhospiz verbringt. Die Fotografin Lynsey Addario hat Sonya und ihre Familie, ihre Bekannten und Freunde drei Monate lang begleitet, bis sie im Alter von sechs Jahren im August 2024 starb. Sie sagt: „Ich habe versucht, mich darauf zu konzentrieren, wie wichtig diese Geschichte für die breite Öffentlichkeit ist, damit diese versteht, dass Krieg über Raketen und Schützengräben hinausgeht und Menschen auf allen Ebenen betrifft, weit entfernt von der Front.“

„Ich wollte einen persönlicheren, intimeren Blick darauf werfen, wie der Krieg alle Aspekte des Lebens beeinträchtigt – auch weit entfernt von der Front.“

Ihre Bilder geben einen sehr intimen Einblick in das Leben und den Alltag von Menschen, die sich in einer unzumutbaren Situation befinden. Sie zeigen die stete Gefahr des Todes, der hinter einer Fassade aus knalligen Farben und sonnigem Licht lauert wie der allergrößte Feind. In ausdrucksstarken Aufnahmen erfahren die Betrachtenden hautnah die Momente der Verschlechterung des Gesundheitszustands, so liegen zum Beispiel zahllose Spritzen in einem Abfallbeutel wie ein Synonym für die Aussichtslosigkeit. Zugleich aber hält die Fotografin auch die Liebe zwischen Sonya und den Personen um sie herum fest, zeigt Augenblicke des Spiels und der Freude, ein kleines Mädchen mit Ausstrahlung und Lebensmut, das einem nicht selten sein breitestes Lächeln schenkt. „Ich habe mich als Mutter immer wieder gefragt, wie ich mit einer solchen Situation umgehen würde“, erzählt Addario. „Zu wissen, dass das Ende des Lebens meines Kindes bevorsteht, aber dennoch die Stärke und Würde aufrechtzuerhalten, die ihre Mutter Natalia bewahrt hat.“
Seit Beginn der groß angelegten Invasion berichtet die Fotografin aus der Ukraine; seit Februar 2022 hat sie etwa ein Dutzend Reisen in das Land unternommen. Sie hat die drastischsten Auswirkungen des Krieges gesehen, aber diese Geschichte, sagt sie, sei für sie besonders qualvoll gewesen. Sie selbst hat einen Sohn, der im selben Alter wie Sonya ist.

Vorgeschlagen wurde Lynsey Addarios Serie von Gaia Tripoli, die in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehörte.

Lynsey Addario

Die amerikanische Fotojournalistin wurde 1973 geboren und arbeitet für die New York Times, National Geographic und das Time Magazine. In den letzten 15 Jahren hat sie über alle großen Konflikte und humanitären Krisen weltweit berichtet, darunter aus Afghanistan, dem Irak, Darfur, Libyen, Syrien, dem Libanon, dem Südsudan, Somalia und der Demokratischen Republik Kongo. Addario erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen und wurde 2015 vom Magazin American Photo unter die fünf einflussreichsten Fotografen der vergangenen 25 Jahre gewählt.

www.lynseyaddario.com/

Porträt: © Sam Taylor Johnson