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Stanislav Ostrous: Civilians – The Gray Zone

Stanislav Ostrous: Civilians – The Gray Zone

Viele Bewohner der ehemals besetzten und stark umkämpften ukrainischen Regionen Donezk, Charkiw und Cherson konnten während der Kriegshandlungen ihre Heimat verlassen. Geblieben sind Soldaten, Ärzte, Rettungskräfte, Freiwillige, Journalisten und vor allem diejenigen, die keine Möglichkeit zum Fliehen hatten. Weil sie keinen Schutzort fanden, keine Mittel zur Flucht haben oder nicht gehen möchten. Der ukrainische Fotograf hat sie porträtiert und gibt ihnen eine Sichtbarkeit.

In den „Grauzonen“ leben die Menschen, die nicht geflohen sind. Sie haben Schilder an den Zäunen befestigt, auf denen das Wort „Zivilisten“ steht, um dem russischen Militär kenntlich zu machen, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht. Ostrous reiste mit einer Gruppe von Freiwilligen durch diese Grauzonen, um denen, die noch vor Ort leben, zu helfen und ihre Lebensrealität abzubilden. Sie verteilten Essenspakete, brachten verlorene Tiere in Schutzeinrichtungen und sprachen mit den Menschen. Ihre Schicksale zeichnen sich in ihren Gesichtern ab. Sie leiden alle: an Desillusionierung, posttraumatischen Belastungsstörungen und humanitären Krisen. Ihre Geschichten sind individuell: So wie die von Ali, der die russische Besatzung überlebte und jetzt in einem verlassenen Hühnerstall lebt. Oder von Lyubov, deren Mann im Kampf um Bachmut starb. Jetzt kümmert sie sich um die vielen zurückgelassenen Hunde, die ebenfalls stark traumatisiert sind und ohne Hilfe dem Hungertod überlassen wären.

„Ich sah, dass einige Menschen begannen, das Wort ‚Zivilisten‘ auf Tore und Zäune vor ihren Häusern zu schreiben – ein Versuch, ihren Status kenntlich zu machen und dem russischen Militär zu zeigen, dass von ihren Häusern keine Gefahr ausging. Damals wussten wir noch nicht, dass diese Zeichen niemanden aufhalten würden.“

Viele Häuser und Dörfer sind teilweise oder vollständig zerstört, Wasser und Strom gibt es nur sporadisch, die Geschäfte sind geschlossen. Ostrous fuhr mit den Freiwilligen von Dorf zu Dorf, auf vom Krieg gezeichneten Straßen, vorbei an ausgebrannten Militärfahrzeugen. Ein falscher Schritt neben die Straße konnte bedeuten, auf eine scharfe Mine zu treten. Einige Regionen sind unzugänglich geworden, doch selbst dort leben noch Menschen. Sie sind trotz der Zerstörungen geblieben. Andere kamen nach der Befreiung wieder zurück, um ihre Häuser eigenhändig aus Sand, Schutt und Schlamm auszugraben und wieder aufzubauen. Überall warteten Leute in verzweifelter Not auf helfende Hände. Die Einzelschicksale verbindet der Fotograf mit seiner Serie zu einem Gesamtwerk. Seine Entscheidung in Schwarzweiß und analog zu fotografieren, ist mehr als nur eine ästhetische Vorliebe. Er erzählt im Interview, dass er die Analogfotografie vor allem nutze, um am Ende anhand der Negative die Echtheit seiner Aufnahmen verifizieren zu können. Der Begriff „Grauzone“ für die Frontzonen steht ebenfalls in metaphorischem Bezug zur Serie. Außerdem glaubt Ostrous, dass die Menschen, seit der Krieg angefangen hat, das Leben nur noch schwarzweiß sehen. Die Bilder der Strecke sollen vor allem eines zeigen: Dass dies die ungefilterte Realität der Menschen ist, gemeinsam mit Widerstand und Stärke.

Ostrous Ansatz ist auch ein persönlicher, denn er verbrachte einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend in Donezk, später zog er selbst nach Cherson und hielt sich zum Zeitpunkt, an dem der russische Angriffskrieg begann, in Charkiw auf. Das Projekt geht für ihn weit über seine Bildstrecke The Civilians – The Gray Zone hinaus. So plant der ukrainische Fotograf, fotografisch die Lebensrealitäten in seinem Heimatland unter prekären Kriegsbedingungen und die geschichtliche Relevanz fortlaufend zu dokumentierten. Mit dem Ziel, auf diese Weise die Historie des Landes zu bewahren.

Vorgeschlagen wurde Stanislav Ostrous’ Serie von Sergey Melnitchenko, der in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehörte.

Stanislav Ostrous

Stanislav Ostrous wurde 1972 in Schmerynka, Ukraine, geboren und ist seit 2012 als Fotograf, Fotografiedozent und Fotojournalist tätig. Sein Ansatz ist sowohl dokumentarisch als auch künstlerisch. Die zumeist analog erstellten Fotografien wurden bereits international ausgestellt, unter anderem auf dem Batumi Photo Days Festival in Odesa, Ukraine, und dem Photography Symposium in Nida, Litauen. 2019 wurde er für die Shortlist des PhotoCult-Preises nominiert und erhielt ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. Ostrous lebt und arbeitet überwiegend in Kharkiv und Kherson, Ukraine. Im Zentrum seiner Fotografien steht seine Heimatregion, da er die lebensbedrohliche Kriegsrealität der dort lebenden Menschen dokumentieren möchte.

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Porträt: © Tetiana Tkachenko-Radohuz