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Youbing Zhan: Migrant Workers in China’s Assembly Line

Youbing Zhan: Migrant Workers in China’s Assembly Line

In Chinas industriellem Herzen: 15 Jahre lang war Youbing Zhan selbst einer von rund 300 Millionen Wanderarbeitern. Aus nächster Nähe, in fast beiläufigen und zugleich höchst eindrücklichen Aufnahmen dokumentiert er das alltägliche Leben der sogenannten mingong in Dongguan. Fotografien zwischen Hoffnung und Fließband, Fabrik und Freizeit.

Ob Hightechgeräte, Werkzeuge, Elektronik oder Modeartikel: Die Produktliste „made in China“ bietet schier endlose Möglichkeiten, die Marktnachfrage zu erfüllen. Seit Jahrzehnten verlassen sich die Hersteller auf die Wanderarbeiter, die mingong, Frauen und Männer aus den strukturschwachen Provinzen im Westen des Landes. Sie treibt neben der Hoffnung auf eine besser bezahlte Arbeit und sozialen Aufstieg auch die Neugier an. Tatsächlich arbeiten sie dann zu ausbeuterischen Löhnen, ohne Verträge, ohne Gesundheits- oder Arbeitsschutz, sind im Land nur Bürger zweiter Klasse.

„Die Fotografie ist sowohl ein Werkzeug als auch eine Vision. Sie enthüllt tiefe Tiefen im Alltäglichen, zeigt echte Einsichten im Chaos und spiegelt die Welt durch ihre Bilder wider. Bilder verkörpern Kultur und sind ein mächtiges Medium, das Gesellschaft, Natur und Wissenschaft miteinander verbindet.“

15 Jahre lang gehörte Zhan selbst zu den fast 300 Millionen Wanderarbeitern – die Zahl wächst stetig. Ursprünglich aus der Provinz Hubei im Landesinneren stammend, arbeitete er unter anderem als Wachmann in den Fabriken, die die über tausend Kilometer entfernte Boomtown Guangzhou umgeben. Guangzhou liegt in der südchinesischen Provinz Guangdong zwischen Macao und Hongkong und damit im Perlflussdelta, einem der wirtschaftlich aktivsten Gebiete. Zufällig, im Jahr 2000, bekam Zhan während eines seiner Arbeitseinsätze eine Kamera in die Hand. Ein Kollege, der zugleich Redakteur der betriebsinternen Werkszeitung war, bat ihn, Fotos zu machen, als sich ein offizieller Besucher angekündigt hatte. Zhan fotografierte und kaufte sich bald selbst eine Digitalkamera. „Während ich in Guangdong arbeitete und meine Familie in Hubei blieb, stellte ich fest, dass meine analphabetischen älteren Verwandten kein Verständnis für mein Leben dort hatten. Die Fotografie wurde zu einer Möglichkeit, diese Kluft zu überbrücken und meine Erfahrungen zu teilen“, erläutert er seinen Antrieb und fügt hinzu: „Als Mitwanderer fühlte ich mich gezwungen, unser gewöhnliches Leben zu dokumentieren.“ Tatsächlich stürze sich die Presse doch vor allem auf Extremereignisse und zeige nicht die tägliche Realität. Und ja, zunächst sei das Fotografieren mit Schwierigkeiten verbunden gewesen, erzählt er außerdem. Schließlich befürchtete sein Arbeitgeber, dass auf diese Weise Betriebsgeheimnisse und geschützte Technologien an die Öffentlichkeit dringen und die Abläufe in der Fabrik falsch interpretiert werden könnten. Seine ersten Veröffentlichungen hatte Zhan in internen Unternehmenspublikationen, bald folgten weitere in Zeitungen und auf Blogs.

„Ein ‚perfektes‘ Foto sollte nicht nur reiche Emotionen einfangen, sondern auch die Situation des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft offenbaren.“

Mehr und mehr wurde die Fotografie Teil seines Lebens, war ein wichtiger Ruhepol, gab ihm, so beschreibt er es selbst: „Sicherheit inmitten von Veränderungen“. Aus eigener Erfahrung, wortwörtlich aus nächster Nähe fotografiert, zeugen seine Aufnahmen von einer frappierenden Unmittelbarkeit. Sie zeigen Arbeiterinnen und Arbeiter zwischen Schulung, Fließband und Reisekoffern, zeigen die Eintönigkeit ihres Alltags sowie kurze, gelöste Momente der Freizeit, Ruhe und Gemeinschaft. Meist sind seine Bilder in den beengten und chaotischen Umgebungen in und um die Fabriken entstanden und spiegeln so direkt und schonungslos die Enge und Belastung des Arbeitsalltags wider. Vor allem aber zeigen sie in fast beiläufiger und umso schmerzhafterer dokumentarischer Deutlichkeit, auf wessen Kosten die neoliberale Marktwirtschaft und damit die vom schnelllebigen Konsum getriebene westliche Gesellschaft lebt.

Vorgeschlagen wurde Youbing Zhans Serie von Jiawen Hu, der in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehörte.

Youbing Zhan

Youbing Zhan wurde 1973 in Xiangyang, China, geboren, er lebt und arbeitet in Dongguan. 2014 publizierte der Autodidakt I Am a Migrant Worker: A Documentary of Life in Dongguan; in Kürze erscheint u. a. Memories of Migrant Work. Seine Arbeiten werden in internationalen Medien veröffentlicht, darunter von der BBC, CNN, de Volkskrant und Southern Weekly, und sind Teil internationaler Sammlungen wie der British Library und dem China National Museum of Ethnology.

Porträt © Wang Jin Xing