Annie Sakkab: We Used to Watch the Rivers Go By
In Jordanien versiegen Oasen und natürliche Quellen – und mit ihnen drohen auch jahrhundertealtes Wissen, kulturelle Praktiken und kollektive Erinnerung verloren zu gehen. In dem vielschichtigen Projekt versucht die Fotografin, dieses eng mit dem Wasser verwobene Erbe zu bewahren, lenkt den Blick auf den Umgang mit unserer Umwelt und wirbt für mehr Ressourcengerechtigkeit.
„Was passiert eigentlich mit unserem Regenwasser?“ Mit dieser Frage begann die jordanisch-palästinensische Fotografin Annie Sakkab vor zehn Jahren die Arbeit an dem Projekt „We Used to Watch the Rivers Go By“, in dem sie sich der Dokumentation der Wasserknappheit in ihrem Heimatland widmete. Jordanien gilt als eines der wasserärmsten Länder der Welt; die Ursachen dafür sind vielfältig. Der Klimawandel und das starke Bevölkerungswachstum werden dabei häufig als treibende Faktoren dargestellt. „Der Klimawandel ist zweifellos ein wichtiger Faktor, der sich in ausbleibenden Niederschlägen, kürzeren, dafür umso intensiveren Regenperioden mit Sturzfluten sowie zunehmend extremen Hitzewellen zeigt“, berichtet die Fotografin und stellt gleichzeitig klar: „Wir können jedoch die historische Umleitung von Jordaniens natürlichen Wassersystemen als primäre Ursache dieser vom Menschen gemachten Knappheit nicht ignorieren.“ Um die Komplexität der aktuellen Krise vollständig zu erfassen, tauchte sie in die tieferen Schichten der Geschichte und Geopolitik ihres Landes ein, das von kolonialer Grenzziehung und zwischenstaatlichen Konflikten geprägt ist.
„Ich spürte, dass es an der Zeit war, Geschichten über meine Heimat zu erzählen, anstatt die Geschichten anderer.“
Die Geschichten ihrer Protagonistinnen und Protagonisten erzählt die Fotografin auf Augenhöhe und macht auf menschlicher Ebene sichtbar, was sie bewegt, was ihre Herausforderungen sind und welche Umgangsformen sie mit dem Mangel gefunden haben. Trotz der dramatischen Lage schenken ihre Bilder auch Hoffnung. Mit dem Wissen und den traditionellen Praktiken von Generationen, die seit Jahrhunderten im ökologischen Einklang mit ihrer Umgebung gelebt haben, seien die Menschen selbst „Reservoirs“ der Erinnerung, sagt sie. Und weiter: „Um dauerhafte Lösungen für die heutige Wasserkrise zu finden, müssen wir nach innen schauen – auf unsere eigene Geschichte und unsere Traditionen –, anstatt auf externe Kräfte für Lösungen zu warten.“ Damit nähert sie sich der Krise aus einer persönlichen Perspektive und versucht, im Namen ihrer Gemeinschaft Handlungsmacht und Selbstvertrauen zurückzugewinnen.
„Mich zieht es nicht zu lauter Aktion, sondern zu stiller Reflexion, zum Schaffen von Bildern, die die Betrachtenden einladen zu verweilen, tief zu schauen und neue Schichten zu entdecken, je länger man hinsieht.“
So verschwimmen in We Used to Watch the Rivers Go By die Grenzen zwischen reiner Dokumentation und persönlicher Betroffenheit. Bei ihren Langzeitprojekten wird „die Dokumentation zu einem gemeinschaftlichen Akt“, erläutert Sakkab. Die klare Linienführung und die durchdachten Kompositionen leiten den Blick der Betrachtenden durch ihre Aufnahmen. Satte, warme Farben, räumliche Tiefe und der meisterhafte Einsatz von Licht und Schatten verleihen ihren Fotografien bisweilen die Anmutung von Renaissancegemälden – mit dem Unterschied, dass sie vom realen Leben erzählen: von der jungen syrischen Geflüchteten Um Mazen, die in einer heruntergekommenen Unterkunft ihr Kind sparsam mit Wasser wäscht, von musizierenden tschetschenischen Frauen, die ihre Kultur durch die Musik bewahren, oder von dem engagierten Ismail Owaidat, der Fachleute aus der Stadt in traditioneller Pflanzenkunde unterrichtet. Die LOBA-Serie handelt sowohl von einer ökologischen Krise als auch von kultureller Kontinuität und Widerstandskraft. Sakkabs Bilder erinnern daran, dass Wasser nicht allein eine Ressource ist, sondern auch kulturelle Erinnerung, die es zu bewahren gilt.
Vorgeschlagen wurde Annie Sakkabs Serie von David Y. Lee, der in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehört.

Annie Sakkab
Die palästinensisch-jordanische Fotojournalistin und Filmemacherin wurde 1969 geboren. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Mensch und Umwelt; ein Augenmerk liegt dabei auf der Wasserknappheit und ihren Folgen für lokale Gemeinschaften. Sakkab machte ihren Abschluss in Fotojournalismus am Loyalist College, Kanada, und in Bildender Kunst an der Northumbria University, England. Sie lebt derzeit in Jordanien.
Porträt: © Annie Sakkab