Anush Babajanyan: The Aral Sea and the Battered Waters of Central Asia
Eine intensive Bewässerungswirtschaft entlang der Flussläufe in der Sowjetunion führte ab Anfang der 1960er-Jahre zu einer verheerenden Naturkatastrophe: Der Aralsee, einst viertgrößter Binnensee der Welt, trocknete fast vollständig aus. Doch auch heute noch ist er von großer Bedeutung für die Menschen – für jene, die sich entschieden haben zu bleiben und ihr Leben mit dem einhergehenden Verlust des Wassers neu gestalten müssen.
Das Meer ist verschwunden. Langsam und leise hat sich der Aralsee verabschiedet. Ursprünglich fast 70.000 Quadratkilometer groß, schrumpfte er in den vergangenen Jahrzehnten um über 90 Prozent. Man nennt ihn auch „stummes Tschernobyl“, weil sein allmähliches Austrocknen eine der größten menschengemachten Umweltkatastrophen der Welt und sein Sterben ein schleichender und schweigender Prozess ist. Einst war er der viergrößte Binnensee des Globus, gelegen zwischen Usbekistan und Kasachstan, nun ist er der Landkarte entwichen. Er hat die Farbe gewechselt wie ein Chamäleon – was bisher blau war, ist nun gelb, was Wasser war, ist nun Wüste. „Die Menschen erinnern sich noch an die Lebensgrundlage, die der Aralsee bot, und daran, wie er die Gemeinschaften ernährte und stützte“, erzählt Anush Babajanyan. „Auch wenn sich diese Realität drastisch gewandelt hat, arbeiten die Menschen in der gesamten Region hart daran, sich anzupassen und unter völlig neuen Bedingungen ein neues Leben aufzubauen.“
„Die Botschaft dieses Projekts hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Ursprünglich ging es darum, auf die Probleme der Wasserwirtschaft in der Region – einschließlich des Aralsees – aufmerksam zu machen. Mit der Zeit wurde mir klar, dass die Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit der Menschen die Realität dieser Tragödie neu prägten.“
Ihre Serie The Aral Sea and the Battered Waters of Central Asia erzählt von einem Leben, das nicht verschwunden ist, sondern weitergeht. Davon, wie Menschen und Gemeinden sich darum bemühen, sich einzurichten, weiterzuentwickeln und mit der neuen Natur in Einklang zu bringen. Ein Sprichwort besagt „Das Leben findet über Umwege statt“, und so suchen die Bewohner Zentralasiens nach Auswegen und freigelegten Weichen, die eine neue Zukunft versprechen: Sie betreiben Kamelzucht, ernten Salzkrebse, züchten Bienen und fischen wieder im Nördlichen Aralsee, der nach dem Bau des Kokaral-Staudamms wiederbelebt wurde. Von 2019 bis 2025 hat Babajanyan regelmäßig die Gegend um den Aralsee besucht, sie reiste nach Kirgisistan, Tadschikistan, Kasachstan, Usbekistan und begegnete Menschen, die ihr Einblick in ihr Dasein gewährten. Sie sagt: „Für mich ist die Fotografie immer eine Gelegenheit, von den Menschen zu lernen, die ich fotografiere, ihre Geschichten zu verstehen und mein Bestes zu geben, diese sichtbar zu machen. Meine Erfahrungen in Zentralasien waren vielfältig, doch die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Region haben diese Arbeit erst möglich gemacht und viele Türen geöffnet.“
Entstanden sind auf ihrer Reise sowohl Landschaftsaufnahmen als auch Porträts; beide zusammen spiegeln die Geschichte um den Aralsee wider, geben gleichsam Auskunft über Vergangenheit und Gegenwart, beschreiben den Verlust und die Hoffnung. Im weichen Licht und in Pastelltönen zeichnen ihre Bilder die Atmosphäre eines Gebiets nach, das von Tradition und Religion geprägt und von Sagen und Märchen umwittert ist. Sie vereinen Einflüsse aus dem alten Persien, dem schamanischen Erbe der Steppenvölker, der islamischen Kultur und erzählen vom Kampf zwischen Gut und Böse. Was vom einstigen Mythos des Aralsees heute übrig bleibt, sind die verrosteten Schiffswracks in der Wüste – ein Sinnbild für den Umgang mit der Natur und für die Tragödie des Menschen.
Vorgeschlagen wurde Anush Babajanyans Serie von Carla Rosorius, die in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehört.

Anush Babajanyan
Die 1983 geborene Armenierin ist als freie Fotografin für VII Photo und National Geographic Explorer tätig. Sie lebt abwechselnd in München und Jerewan. Kürzlich erschien ihr Buch über Bergkarabach mit dem Titel A Troubled Home; mit dieser Serie war sie vor zwei Jahren Finalistin beim LOBA. Mit dem Projekt Battered Waters gewann sie 2023 den World Press Photo Award in der Kategorie „Langzeitprojekte“. Ihre Fotografien wurden u. a. im National Geographic Magazine, in der New York Times und der Washington Post veröffentlicht.
Porträt: © Martin Zinggl