Benedikt Renč: Cairo
Mit der Nostalgie einer Kindheitserinnerung und genauen Vorstellungen zu seinem Projekt reist der tschechische Fotograf nach Kairo. Dort gerät er in den Sog der ägyptischen Hauptstadt, der seine ursprünglichen Erwartungen infrage stellt. Tag für Tag offenbart der urbane Koloss seine Geschichte, seine Lebendigkeit und seine Geheimnisse, während er mit voller Geschwindigkeit in Richtung Zukunft steuert. Renčs Bilder sind flüchtige Momentaufnahmen, die Vergangenheit und Gegenwart ineinander verweben.
Die Pyramiden von Gizeh stehen nur etwa 15 Kilometer vom Kairoer Stadtzentrum entfernt. Als einziges der sieben Weltwunder der Antike, das bis heute erhalten geblieben ist, gewähren sie der Nachwelt einen einzigartigen Einblick in Ägyptens prächtige Kulturgeschichte. In ihrem Schatten wuchs über Jahrhunderte die Millionenmetropole Kairo heran – eine Stadt, die auch den Fotografen Benedikt Renč in ihren Bann zog. „Ich wollte die letzte Generation dokumentieren, die noch in dieser rauen, ungeschliffenen Wirklichkeit lebt. Die nächste Generation wird in modernen Gebäuden aufwachsen, in einer völlig anderen Welt“, erzählt er.
„Ich folge dem Licht. Bei Sonnenaufgang suche ich Gegenlicht. Mittags suche ich Schatten und geschützte Ecken. Am späten Nachmittag suche ich Orte, die im Sonnenlicht schwelgen. Alles folgt bestimmten Mustern. Vor allem aber erfordert Fotografie Schnelligkeit.“
Eine Stadt gleicht einem Organismus: Sie unterliegt ständigem Wandel, getrieben von sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Kräften. So macht auch in Kairo der Fortschritt keinen Halt. Zwar ragen die Pyramiden als Stellvertreter der Geschichte am Horizont empor, doch die Alltagskultur, die Atmosphäre auf den Straßen, die vielen kleinen Läden und Märkte – all das könnte jeden Moment einem neuen Viertel, einer U-Bahn-Haltestelle oder einem Hotelbau weichen. Als größte Metropolregion auf dem afrikanischen Kontinent zählte Kairo im Jahr 2025 rund 25 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, mit steigender Tendenz. Landflucht treibt dieses Wachstum ebenso an wie die geografische Lage Kairos, die der Ausdehnung der Stadt vergleichsweise wenige natürliche Grenzen setzt. Die Regierung versucht der Verdichtung mit dem Bau von neuen Quartieren und sogar ganzen Städten, wie beispielsweise der Planstadt Neu-Kairo, entgegenzuwirken. Aber auch sogenannte informelle Siedlungen, also nicht autorisierte Stadtgebiete, wachsen stetig. Dort leiden die Bewohnerinnen und Bewohner unter dem Mangel an Infrastruktur, Versorgung und Verwaltung.
Bei der Arbeit an der Serie ging Renč strategisch vor – ein klarer Plan war dabei essenziell. Die strukturierte Herangehensweise, die seine Werbe- und Editorialprojekte prägt, überträgt er auch auf seine dokumentarischen Vorhaben. Entscheidend sei, Entwicklungen vorauszuahnen und den Menschen möglichst nah zu kommen. „Man muss Fragen stellen, präsent sein und bereit, über die Position des reinen Beobachters hinauszugehen. Je näher man kommt, desto mehr beginnt die Stadt sich zu enthüllen“, fasst er zusammen. Um vollkommen in das Stadtgeschehen einzutauchen, wählte der Fotograf für die Umsetzung der Serie bewusst ein Weitwinkelobjektiv. Dies zwang ihn, die Distanz zu seinen Motiven zu überwinden und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
„Druck kann nützlich sein. Er hält mich fokussiert. Er treibt mich an, weiterzumachen, weiterzusuchen und letztendlich mit Fotografien zurückzukehren, die etwas bedeuten.“
Mit seinen Bildern schafft der Fotograf Zeitzeugnisse, die zugleich Vergänglichkeit und Beständigkeit der Metropole zeigen – fernab von romantisierten Vorstellungen. Zu groß, zu vielschichtig zeigte sie sich ihm. „Die Stadt stellte meine Erwartungen ständig infrage. Jeden Tag offenbarte sie mir etwas, das ich mir nicht vorgestellt hatte, etwas, das nicht ins Bild passte, das ich im Kopf hatte“, erinnert er sich. Gerade diese Widersprüche machen den Charakter der Stadt aus. Seine Fotografien bewahren Augenblicke einer urbanen Wirklichkeit, die sich unaufhörlich verändert. Denn was heute noch selbstverständlich erscheint, könnte morgen bereits verschwunden sein.
Vorgeschlagen wurde Benedikt Renčs Serie von Adolf Zika, der in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehört.

Benedikt Renč
wurde 1982 in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren. Er fokussiert sich in seiner Arbeit auf die Bereiche Reportage, Sozialdokumentation und Modefotografie. Schon in jungen Jahren war er vom Medium fasziniert, es folgte ein Studium der Fotografie in Prag, später zahlreiche Veröffentlichungen in namhaften Magazinen, Ausstellungen und internationale Kampagnen. In seiner dokumentarischen Arbeit untersucht er, wie urbane Lebensräume menschliches Verhalten, Identität und Alltag beeinflussen.
Porträt: © Tess Rencova