David Sládek: People of Šumiac
Die Geschichte des Dorfes Šumiac im mittelslowakischen Bergland reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Ursprünglich wurde es von Holzverarbeitung, Viehzucht und Glashütten geprägt. Heute ist das Dorf am Fuße des Nationalbergs Kráľova hoľa für die Bewahrung der slowakischen Folklore und seinen Freizeitwert bekannt.
Das Dorf Šumiac ist heutzutage ein anderes als vor 20 Jahren, der Zeit, in der David Sládek es schätzen lernte. Im 15. Jahrhundert wurde es gegründet, die Lebensgrundlage bildeten Land- und Holzwirtschaft, es kamen Sägewerke und Glashütten dazu. Im 19. Jahrhundert waren viele als Arbeiter in den Eisenwerken der Umgebung tätig. Als in den 1930er-Jahren die Eisenbahnstrecke Červená Skala – Margecany gebaut wurde, fanden viele Einheimische Arbeit. So ging es lange Zeit, bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Die Arbeitslosenzahlen stiegen immer weiter. Die Wirtschaft basierte bis vor wenigen Jahrzehnten auf Schafzucht und Holzwirtschaft. Auch überlieferte Handwerkskunst brachte für viele lange Zeit noch Einkünfte. Doch zu wenig Nachwuchs und das Fortgehen vieler Menschen veränderte die Dörfer. Erhalten geblieben sind ursprüngliche Holzhäuser mit Satteldächern und offenen Höfen wie auch das immaterielle kulturelle Erbe.
„Innerhalb weniger Jahre entwickelten sich persönliche, enge Beziehungen zu den Menschen in Šumiac, und ich bin stolz darauf, diese Verbindungen zu halten.“
Das Dorf liegt in unmittelbarer Nähe der Nationalparks Muránska planina (Murauer Hochebene) sowie der Niederen Tatra – ein gutes Revier für Wanderer, Radfahrer und Naturliebhaber. Und es ist weit über die Region hinaus für sein Glockenmuseum bekannt, das die Geschichte der traditionellen Hirtenkultur bewahrt. Zusammen mit der Folklore zogen die nahe gelegenen Naturparks seit den Mitte der 2000er-Jahre immer mehr Touristen an. Als Sládek im Jahr 2008 dort sein Haus kaufte, gab es hier und da ein paar Besucher, aber keine Freizeitindustrie. Die meisten Menschen reisten in die Touristengebiete in der Tatra oder in die der westlichen Niederen Tatra. „Dieser Trend endete während der Corona-Pandemie, als die Leute begannen, das Arbeiten von zu Hause aus für sich zu entdecken und Touristen statt ins Ausland nun im Inland reisen konnten. Seitdem haben der Boom bei E-Bikes und der stetige Zuwachs an lokalen Unterkünften das Dorf zu einem belebten Ausgangspunkt für Besucher der Kráľova hoľa gemacht“, schildert der Fotograf die jüngsten Entwicklungen. Auch spricht er über den verstärkten Zuzug von Roma, die die zweitgrößte ethnische Minderheit in der Slowakei darstellen. Etwa zehn Prozent der Landesbevölkerung (etwa 450.000 bis 500.000 Personen) sind Roma. In Šumiac besuchten mittlerweile mehr Roma- als Nicht-Roma-Kinder die örtlichen Schulen, sagt Sládek. „Ethnische Fragen und gesellschaftliche Unterschiede lösen bei den Einheimischen nach wie vor Ängste und negative Gefühle aus“, beschreibt er seine Beobachtungen. Dennoch scheint sich das Zusammenleben der slowakischen Mehrheit mit der Roma-Minderheit reibungsfrei zu gestalten. Der Fotograf hat seine Serie als Langzeitprojekt angelegt und zusammen mit anderen das Medium im Dorf verankert. 2019 war er Co-Gründer des Šumiacky Fotofests, einer Veranstaltung, die Fotografie und Folklore verbindet. „Die Bilder sind als fortlaufendes Tagebuch des Lebens in einem Dorf am Ende der Straße zu verstehen, aber nicht als Ende einer Reise. Ein Versuch, Erinnerungen festzuhalten – nicht nur für mich, sondern auch für die Einheimischen –, um einen Beitrag zu einem Teil der visuellen Geschichte zu leisten, die hoffentlich von anderen fortgesetzt wird.“
Vorgeschlagen wurde David Sládeks Serie von Kevin V. Ton, der in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehört.

David Sládek
wurde 1976 in Strakonice in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Vor seinem Umzug nach London Mitte der 2000er-Jahre war er als Reporter für die Czech News Agency tätig. Sládek hat sein Studium am Institut für Kreative Fotografie in Opava abgeschlossen. 2017 veröffentlichte er im Selbstverlag sein Langzeitprojekt „Unspoken Genocide“, in dem er sich mit Erinnerung, Trauma und Schweigen unter Überlebenden und Nachkommen des Völkermords im Zweiten Weltkrieg im ehemaligen Unabhängigen Staat Kroatien auseinandersetzt.
www.davidsladek.com | https://sumiac.photo
Porträt: © David Sládek