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Elliot Ross

Elliot Ross: A Question of Balance

Der amerikanische Fotograf ist international viel herumgekommen, fühlt sich aber im südlichen Teil des Bundesstaats Utah am meisten zu Hause. Über die Jahre hat er ein Netzwerk zu Menschen aus dem Navajo-Reservat aufgebaut und sich intensiv mit den Ursachen für deren Lebensbedingungen und mit der Wasserwirtschaft in dieser Gegend auseinandergesetzt.

Mittelpunkt der Herangehensweise von Elliot Ross ist die Zeit, die er sich zur Vorbereitung und zum Eintauchen in die Materie nimmt. Nicht zuletzt ist der Aufbau von Beziehungen entscheidend für die produktive Bearbeitung eines Projekts. Ross arbeitet an einem halben Dutzend Serien parallel. In seinem Fokus stehen Langzeitarbeiten, die sich über Jahre hinweg entwickeln. Beispielsweise begleitet er außer der Strecke über den unausgeglichenen Wasserverbrauch immer wieder die sichtbar werdenden Auswirkungen des Klimawandels in einem Dorf der Iñupiat, einer indigenen Volksgruppe in der nördlichen und nordwestlichen Arktis Alaskas. Bei den Angehörigen der Navajo Nation, die sich selbst bevorzugt Diné nennen und deren Reservat sich im Wesentlichen über die Bundesstaaten Arizona (Hauptteil im Nordosten), New Mexico (Nordwesten) und Utah (Südosten) erstreckt, wollte Ross besonders vorsichtig sein. Seit Langem sei die Volksgruppe mit 330 000 Stammesangehörigen von einer Art narrativer Ausbeutung betroffen, wie er schildert. Deshalb wollte er besonders vorsichtig sein und zunächst Vertrauen sowie sein eigenes Verständnis aufbauen. Dazu unternahm er zahlreiche Fahrten zur Navajo Nation, um Freunde von Freunden, Fremde, Aktivisten und politische Entscheidungsträger kennenzulernen.

„Ich brauche die allumfassende, vielschichtige Perspektive, bevor ich anfangen kann zu fotografieren.“

Ein Stipendium an der University of Colorado ermöglichten dem Fotografen zwei Semester im Hörsaal, um sich mit dem Wasserrecht im amerikanischen Westen, der Ideologie des amerikanischen „Manifest Destiny“, der hydrologischen Forschung und der Geschichte der indigenen Völker auseinanderzusetzen. Zwei Jahre nach Beginn dieses Projekts zog er mit seiner Frau in ein abgelegenes Dorf zwischen Washington County und dem Reservat der Diné. Als Ross einem Freund aus dem Stamm der Diné vor einigen Jahren von einem Projekt erzählte, schlug dieser ihm vor, sich einmal mit dem Thema der Wasserversorgung zu beschäftigen, denn rund ein Drittel der Diné hätte in ihrer Wohnstätte keinen Zugang zur Ressource. Diesen Hinweis zitiert Ross als Startpunkt seiner Serie A Question of Balance, für die er intensiv in die Verhältnisse der lokalen Wasserwirtschaft eingetaucht ist und dabei feststellen musste, wie ungleich die Struktur verteilt ist: Die Einwohner Washington Countys verbrauchen überdurchschnittlich viel Wasser und zahlen dafür unterdurchschnittlich niedrige Tarife. Bei der Suche nach den Ursachen, wie bei anderen Projekten auch, ließ sich der Fotograf von einem Auszug aus dem 1927 veröffentlichten Prosagedicht Desiderata des deutschstämmigen Anwalts Max Ehrmann leiten, das er ausgedruckt auf einem Blatt immer in der Tasche trägt. Der zweite von zehn Absätzen lautet: „Sprich deine Wahrheit ruhig und klar aus und höre andere an, auch wenn sie langweilig und unwissend sind, denn auch sie haben an ihrem Schicksal zu tragen.“

Beim Fotografieren selbst steht für Ross im Vordergrund, stets respektvoll zu sein und Verbindungen zu schaffen: „Das Wesen der Fotografie ist von Natur aus extraktiv. Die englische Formulierung ‚to take a photograph‘ trifft den Kern der Sache, da sie suggeriert, dass man jemandem das Bild wegnimmt.“ Die größte Herausforderung bestehe für ihn deshalb darin, durch Bilder Veränderungen oder gar Heilung herbeizuführen. Dies ist wichtig bei einem solch zentralen Thema, das das Potenzial hat, Aggressionen hervorzurufen.
 

Vorgeschlagen wurde Elliot Ross’ Serie von Gonçalo Fonseca und Sarah Leen, die in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehören.

Elliot Ross

Geboren 1990 in Taipeh, Taiwan. Er studierte am Savannah College of Art and Design und erlangte einen Bachelor of Fine Arts. Nach seinem Abschluss zog er nach New York City und assistierte Annie Leibovitz, Martin Schoeller, Mark Seliger, Brigitte Lacombe, Mario Testino, Ellen von Unwerth und vor allem Robert Clark, der großen Einfluss auf ihn ausübte. Heute widmet er sich Langzeitprojekten. Seine Bilder wurden international ausgestellt, darunter in der Blue Sky Gallery in Oregon, auf dem Belfast Photo Festival und bei den Siena International Photo Awards. 2019 veröffentlichte er seine Monografie American Backyard bei Gnomic Book.

www.elliotstudio.com

Porträt: © Miguel Deleon