Saher Alghorra: Witnessing Gaza
Seit Beginn des Krieges bleibt internationalen Medien der Zugang zum Gazastreifen weitgehend verwehrt. Die Bilder, die die Welt aus dieser Region erreichen, stammen deshalb überwiegend von lokalen Journalistinnen und Journalisten. Einer von ihnen ist Saher Alghorra. Seine Aufnahmen entstehen aus unmittelbarer Nähe und sind das Werk eines Fotografen, der dieselbe Realität erlebt hat wie die Menschen vor seinem Objektiv.
Als Saher Alghorra 2017 seine erste Kamera von seinem Vater geschenkt bekam, begann er zunächst, den Alltag in seiner Heimat zu fotografieren. 2018 weitete er seinen Blick aus und dokumentierte erstmals Konfliktereignisse, darunter die Demonstrationen des Großen Rückkehrmarsches an der Grenze, die er ein Jahr lang begleitete. Wenige Jahre später sollte seine Heimat zum Zentrum eines noch wesentlich größeren Konflikts werden, den die restliche Welt vor allem durch Bilder von lokalen Fotografen wie ihn wahrnimmt – denn internationalen Medien wird während des Krieges der Zugang zum Gazastreifen untersagt.
„Ich spüre eine enorme Verantwortung auf meinen Schultern, professionell, transparent und integer weiterzuarbeiten.“
Witnessing Gaza spiegelt das Jahr 2025 in seiner ganzen Bandbreite wider. Die Bilder der Waffenstillstandsfeiern in Gaza-Stadt, von der Entlassung palästinensischer Häftlinge aus israelischen Gefängnissen oder der Beerdigung anonymer Leichname, die Israel nach Gaza zurückgab, bleiben lange im Kopf – ebenso wie die Aufnahmen einer Familie, die Ramadan mit dem wenigen feiert, das ihr geblieben ist, oder von Kindern, die in einem improvisierten Kino inmitten von Gebäuderuinen einen Film schauen. Doch ganz gleich, ob sich auf seinen Bildern große Gesten oder Augenblicke stiller Zwischenmenschlichkeit abspielen – in diesem Projekt stehen all diese Momente gleichberechtigt nebeneinander. Denn sie alle zeigen Menschen, die versuchen, ihren Alltag in einer vom Krieg geprägten Umgebung aufrechtzuerhalten.
Die Arbeit, die Alghorra in den letzten Jahren zunehmend internationale Anerkennung einbrachte, entstand im Spannungsfeld zwischen Dokumentieren und Überleben: Auch er selbst erlebte die Folgen des Krieges am eigenen Leib. So sah er sich mit seiner Familie sechsmal gezwungen, einen neuen Zufluchtsort zu suchen, während er seine journalistische Arbeit unter diesen widrigen Umständen fortsetzte. Aus diesem Grund ist seine fotografische Praxis nicht nur von Geduld und genauer Beobachtung geprägt, sondern auch von einem großen Maß an Empathie – er weiß ganz genau, was seine Protagonistinnen und Protagonisten erleben mussten. Sein Studium der Medien und Public Relations hat ihm die Fähigkeit mitgegeben, auf Menschen zuzugehen und Vertrauen aufzubauen – eine Fähigkeit, die er im Feld unter extremen Bedingungen weiterentwickelt hat. Das erklärt die emotionale Unmittelbarkeit in seinen Aufnahmen, die sich den Betrachtenden ungefiltert mitteilt.
„Ich wünsche mir, dass Menschen außerhalb Gazas meine Fotos sehen und Empathie für die abgebildeten Zivilisten empfinden.“
Alghorras Bilder verstehen sich als historisches Zeugnis – und als Auftrag. Ihm ist es wichtig, dass künftige Generationen anhand seiner Aufnahmen nachvollziehen können, was die Menschen im Gazastreifen durchlebt haben und bis heute durchleben. So ist Witnessing Gaza ein Zeugnis von allem, was der Krieg aus dem Alltag macht, was er nimmt und was er hinterlässt. Das Projekt zeigt eine Region, die weiterlebt – Menschen, die unter extremen Bedingungen ihre Würde behaupten und versuchen, das Alltägliche nicht zu verlieren. In diesem Nebeneinander von Verlust und Beharrlichkeit liegt die eigentliche Aussage seines Werkes.
Vorgeschlagen wurde Saher Alghorras Serie von Gaia Tripoli, die in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehört.

Saher Alghorra
geboren 1997 in Gaza-Stadt, studierte Medien und Public Relations an der University of Palestine. Seit 2021 arbeitet er als freiberuflicher Fotojournalist; seine Bilder erschienen in internationalen Medien wie dem Guardian, der Zeit und bei AP, seit Februar 2025 auch regelmäßig in der New York Times. Zu seinen Auszeichnungen zählen der World Press Photo Award 2026, der ICRC Humanitarian Visa d’Or 2025 und der Pulitzer-Preis 2026 für Nachrichtenfotografie.
Porträt © Saher Alghorra