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Slava Lyu-fa

Slava Lyu-fa: Inner distance

Nicht nur räumlich trennen sich die Einwohner Jakutiens in ihrem großen Land. Kaum jemand aus der Hauptstadt der Republik Sacha, Jakutsk, weiß etwas über die Schwierigkeiten und Lebensrealitäten der Bewohner entlang des Flusses Kolyma im hohen Norden. Der Fotograf Slava Lyu-fa möchte das ändern und sucht in seiner Serie nach bestehenden Gemeinsamkeiten und Erinnerungen in seiner Heimat.

Es ist ein nahezu gespenstisches Bild: Eine Frau steht in einer Höhle vor einem Haufen toter Fische, und für einen kurzen Moment glaubt man, in einem Horrorszenario gelandet zu sein, dunkel, kalt und aussichtslos. „Lena, eine Einwohnerin von Nischnekolymsk, in einem unterirdischen Eislager für Fisch und Lebensmittel“ lautet der Titel des Bildes, und es erinnert daran, wie fremd einem Dinge erscheinen können, die anderswo Ausdruck von Tradition, Realität und Überleben sind. Nischnekolymsk ist eine Siedlung am fernen Polarkreis, im Norden der Republik Sacha. Und ein Ort, der vom Aussterben bedroht ist. Der Speicher, in dem Lena sich befindet, ist gefährdet, überschwemmt zu werden – weil das Flussufer, an dem er liegt, aufgrund des Klimawandels erodiert. „Wenn man über die Bewohner der Arktis spricht und sich etwa Nischnekolymsk ansieht, stellt man fest, dass das Leben dort ziemlich hart ist“, erzählt Slava Lyu-fa. „Strom wird von einem Generator erzeugt, und für die Versorgung mit Gütern und Lebensmitteln muss man etwa 29 Kilometer auf dem Fluss zurücklegen.

„Ich möchte das Leben erforschen, Zeugnisse von Lebensweisen schaffen, die im Verschwinden begriffen sind, und tief in diese Realität eintauchen, denn die Zeit wandelt sich sehr schnell.“

Seine Serie Inner Distance (Innere Distanz) ist das Ergebnis einer Reise entlang der Kolyma, eines mehr als 2000 Kilometer langen Stroms, der Verkehrsweg, Nahrungsquelle, Grenze, Verbindung und Quelle ist. Zugleich aber offenbart er die Zerbrechlichkeit des Lebens: Häuser stehen dicht am Abgrund, der Klimawandel und menschliche Eingriffe verändern die Landschaft, die vertrauten Rhythmen von Fluss und Eis werden instabiler. „Der Fluss schenkt Leben, doch zugleich raubt er Land“, resümiert der Fotograf. „Dieser Widerspruch ist für das Projekt von zentraler Bedeutung.“
Seine Bilder sind eine zärtliche Hommage an die Menschen Jakutiens. An die, die im hohen Norden leben und an jene, die im Zentrum des Landes zu Hause sind. Beide beobachtet Lyu-fa aus dem Bedürfnis heraus, sie auf seinen Aufnahmen einander näherzubringen. Die Republik Sacha ist das flächenmäßig größte Föderationssubjekt der Russischen Föderation; Ortschaften in der Arktis liegen 2000 Kilometer von der Hauptstadt entfernt – die Menschen sind nicht nur räumlich voneinander getrennt, sondern auch in ihrem Wissen übereinander. Die innere Distanz will der Fotograf aufzeigen und zugleich begrenzen; im kühlen Licht und in dezenten Farben setzt er seine Protagonisten in Szenerien, die weniger von Unterschieden als von Gemeinsamkeiten erzählen. Er sei sich bewusst, sagt Lyu-fa, dass er Lebensgeschichten durch die Fotografie bewahren könne. Er möchte, dass die Leute sich erinnern – an Orte, die vielleicht in ein paar Jahrzehnten verschwunden sein könnten, an Menschen, die dort ihr Zuhause hatten und an die Familien, denen die Umgebung Arbeit und Leben brachte.

„Für einen Fotografen aus Jakutien, der fernab der großen internationalen Zentren der Fotografie arbeitet, hat die LOBA-Nominierung eine besondere Bedeutung. Sie bedeutet, dass Geschichten aus abgelegenen Regionen auch jenseits ihrer eigenen Grenzen gesehen und verstanden werden können. Es verschafft nicht nur mir Sichtbarkeit, sondern auch den Menschen und Orten, die ich fotografiert habe.“

Auf einem Foto, das er in der verlassenen aerologischen Station Meteorit auf den Bäreninseln aufgenommen hat, sitzen vier Männer an einem Tisch. An der Wand hängt ein Porträt von Michail Gorbatschow, dem für Offenheit und Veränderung bekannten Generalsekretär aus den letzten Jahren der Sowjetunion. Es ist zerknittert, faltig und verblichen, aber immer noch präsent. Vielleicht ist es ja genau das, was alle Einwohner Jakutiens auch heute noch verbindet: die gemeinsame Erinnerung an die Vergangenheit.

Vorgeschlagen wurde Slava Lyu-fas Serie von Misha Domozhilov, die in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehört.

Slava Lyu-fa

Der Dokumentarfotograf wurde 1989 im Norden der Republik Sacha, Jakutien, im Dorf Ebyakh im Bezirk Srednekolymski, geboren. Bis zum achten Lebensjahr wohnte er in Tscherski, nahe der Mündung der Kolyma ins Polarmeer. Derzeit lebt er in der Hauptstadt Jakutsk. Sein Interesse an der Fotografie begann im Jahr 2008. Von 2023 bis 2025 studierte er an der Docdocdoc School of Modern Photography in St. Petersburg. Seine Arbeit konzentriert sich auf arktische Gebiete, Erinnerung, verschwindende Siedlungen und den Alltag abgelegener Gemeinschaften.

https://slava-lyufa.com/

Porträt © Maria Lyu-fa