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Todd Antony

Todd Antony: Buzkashi

Zwischen archaischem Ritual und gelebter Gegenwart. In eindrucksvollen Schwarzweißaufnahmen von großer visueller Kraft dokumentiert Todd Antony eine jahrhundertealte Tradition. Mit seiner Serie über den Reitsport Buzkashi in Tadschikistan erzählt er außerdem von universellen menschlichen Erfahrungen: von Wettbewerb, Zugehörigkeit und Identität.

Man hört die Bilder beinahe, bevor man sie betrachtet. Das donnernde Grollen von Hunderten Hufen, das kehlige Dröhnen der Karnay-Trompeten. dazwischen Rufe. Buzkashi gilt als eine der ältesten Reitsportarten der Welt. Gespielt wird sie bis heute in Teilen Zentralasiens. Männer auf großen, starken Pferden kämpfen um den toten Körper einer Ziege, versuchen, ihn gegen ihre Konkurrenten zu behaupten und schließlich ins Ziel zu befördern. Teams gibt es nicht, klare Regeln oder Spielfeldbegrenzen kaum. Was bei diesem Wettkampf entsteht, ist ein unübersichtliches Geflecht aus unberechenbaren Kräften und flüchtigen Allianzen.

Erstmals reiste Todd Antony Anfang 2025 nach Tadschikistan. Und was als Recherche zu einer wenig bekannten Tradition begann, entwickelte sich für ihn schnell zu einem Langzeitprojekt. Dabei interessierte ihn weniger das Spektakel als die Menschen dahinter. Seit vielen Jahren widmet er seine persönlichen Arbeiten Gemeinschaften, die außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Ihn fasziniert, wie sich Identität, Zusammenhalt und kulturelle Erinnerung in alltäglichen Ritualen manifestieren. Buzkashi erschien ihm dafür wie ein Brennglas.

„Als ich das Spielfeld zum ersten Mal betrat, war es, als würde ich in die Vergangenheit reisen oder eine lebende Filmkulisse betreten. Es ist ein so intensives Erlebnis. Am besten lässt es sich so beschreiben, dass es aus vielen, vielen Schichten besteht. Aus Geräuschen, Gerüchen, Eindrücken.“ 

Seine Fotografien entstanden aus nächster gefährlicher Nähe – in der Enge des Geschehens. Meist fotografierte Antony zu Fuß mitten im Spielfeld. Dabei steckte er oft bis zu den Knöcheln im Schlamm, suchte im aufgewühlten Boden zwischen Pferden und Staubwolke nach halbwegs sicheren Positionen. Nur wenige Male näherte er sich dem Spielfeld auf einem winzigen Pick-up, der allerdings schnell Außenspiegel und Rücklicht einbüßte. Kontrolle also war bei diesem fotografischen Prozess mehr flüchtiger Augenblick als verlässlicher Zustand. „Ich bemerkte“, so fasst es Antony zusammen, „dass die Reiter versuchten, in einem Meer aus absolutem Chaos die Kontrolle über einen Moment zu erlangen. Mein fotografischer Prozess ahmte genau das nach.“ Antonys Erkenntnis durchzieht seine Serie. Immer wieder lösen sich einzelne Figuren aus der Masse, nur um Sekunden später wieder darin zu verschwinden. Und so erzählen seine Aufnahmen von Konkurrenz und Gemeinschaft zugleich, von Kraft und Verletzlichkeit, von Ordnung und Chaos.
Wesentlich für diese Metaebene ist auch Antonys Entscheidung für Schwarzweiß. Für ein Projekt, das sich auf Licht, Form und Tonwerte reduzieren ließ, boten die Landschaften Tadschikistans ideale Voraussetzungen. Berge verschwinden im Dunst, Rauch zieht über die Ebenen, Pferdekörper zeichnen sich als dunkle Formen gegen helle Horizonte ab. Die Bilder wirken zeitlos, denn sie erzählen nicht von einer exotischen Tradition, sondern von universellen Erfahrungen: von Menschen, die nach Anerkennung streben, von Gemeinschaften, die ihre Geschichten bewahren und von dem Wunsch, in einer Welt voller Unwägbarkeiten für einen kurzen Augenblick die Kontrolle zu erlangen.
„Fotografie zwingt mich, langsamer zu werden, wirklich an einem Ort zu sein, statt ihn nur zu durchqueren“, formuliert Antony. Seine Bilder zeigen, was entstehen kann, wenn jemand genau das tut: bleiben, beobachten und aufmerksam genug sein, um im größten Chaos den entscheidenden Moment zu erkennen.

Vorgeschlagen wurde Todd Antonys Serie von Barak Ofari, der in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehört.

Todd Antony

wurde 1975 in Neuseeland geboren, lebt und arbeitet in London. Neben seiner Tätigkeit als Werbefotograf realisiert er dokumentarische Langzeitprojekte. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt und vielfach ausgezeichnet. Unter anderem war Antony 2021 und 2025 für den Taylor Wessing Photo Portrait Prize der National Portrait Gallery in London nominiert, seine Serie Buzkashi wurde 2026 mit dem Sony World Photography Award in der Kategorie Sport ausgezeichnet. 

https://toddantony.com