William Keo: Extramuros
Jenseits der französischen Innenstädte liegen die Banlieues – oft stigmatisierte Vororte, die in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit sozialen Problemen verbunden werden. Der Fotograf William Keo richtet den Blick auf die Menschen, die dort leben. Tastend erzählen seine Bilder von einem Alltag, der zwischen Ausgrenzung und Gemeinschaft seinen ganz eigenen Ausdruck findet.
Sie stehen außerhalb der Stadtmauern, die „Extramuros“: jene Wohnsiedlungen, die in der Nachkriegszeit rasch errichtet wurden, um einkommensschwache Familien unterzubringen, die aus den Zentren verdrängt worden waren. Jahrzehntelang wurden diese Siedlungen chronisch unterfinanziert und vernachlässigt. Dort ist die Arbeitslosenquote hoch, genauso wie der Migrationsanteil. Viele, die in diesen Statistiken auftauchen, sind Migranten der dritten Generation, sind in Frankreich geboren und aufgewachsen. Ohne Netzwerke und mit einem ausländischen Namen haben junge Leute aus den Banlieues oft Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden und ins Arbeitsleben zu starten. Dennoch oder gerade deshalb sind ihre Viertel und ihre dortige Gemeinschaft oft voller Kreativität und Widerstandskraft.
„Für mich ist Fotografie eine Brücke, die Verbindungen schafft.“
William Keo hat diese Jugendlichen fotografiert. Auf seinen Aufnahmen sind sie weder soziale Fallstudien noch Projektionsflächen gesellschaftlicher Debatten. Sie sind junge Menschen, die sich in ihren Körpern, ihren Freundschaften und ihren Träumen einrichten – zumindest für einen Moment. Dass seine Bilder eine besondere Intimität ausstrahlen, hat mit der Biografie des Fotografen zu tun. Keo wurde als Sohn kambodschanischer Flüchtlinge in Frankreich geboren, wuchs selbst in den Banlieues auf, jenen oft missverstandenen Vorstädten, die im medialen Diskurs nur dann sichtbar werden, wenn von Unruhen, Drogen und Gewalt die Rede ist. Viele derjenigen, die in seiner Serie zu sehen sind, kennt Keo seit Jahren. Es sind Freunde, oder Freunde von Freunden. Und dennoch war es schwierig, sie zu fotografieren: „Die Menschen haben sich durch die Darstellung in den Medien so oft betrogen gefühlt, dass sie Fotojournalisten und Dokumentarfotografen überdrüssig sind.“ Keos Aufnahmen entstehen also nicht aus der Distanz eines Beobachters, sondern aus einer Zugehörigkeit heraus, die nie erklärt werden muss. Seine Herkunft, seine Kenntnis und seine Vertrautheit ermöglichten es ihm, jenseits von Stereotypen zu denken, zu sehen und zu arbeiten. So erscheint die Banlieue in seiner Serie nicht als Brennpunkt, sondern als Lebensraum. Als Ort von Freundschaft, Langeweile, Zärtlichkeit und als Ort voller Widersprüche.
„Ich halte die Fotografie für ein emotionales Medium; ein perfektes Foto weckt Gefühle in uns und wirft Fragen auf“
Die Serie lebt von Beharrlichkeit, Empathie und genauer Beobachtung, enthält kaum spektakuläre Szenen. Vielmehr erzählt sie von Übergängen, von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, von Selbstbehauptung und Verletzlichkeit und nur hin und wieder auch von Wut. Eine große Offenheit prägt Keos Bildsprache. Seine Fotografien verweigern eine eindeutige Erzählung, geben keine Antworten, lassen Leerstellen zu und entwickeln gerade daraus ihre poetische Kraft. „Ich wollte ein ambivalentes Gefühl erzeugen – nicht eine Welt, in der alles gut oder alles gewalttätig ist“, beschreibt Keo seine Herangehensweise. Und genau diese Ambivalenz macht die Stärke dieser Bilder aus. Aus einer selten gezeigten Insider-Perspektive porträtieren sie Leben, in denen Gemeinschaft und Solidarität die wichtigsten Identitätsmerkmale sind.
Vorgeschlagen wurde William Keos Serie von Benjamin Petit, der in diesem Jahr zur Gruppe der internationalen LOBA-Nominatoren gehört.

William Keo
wurde 1996 als Sohn kambodschanischer Flüchtlinge in Frankreich geboren. Als Fotograf arbeitete er zunächst für NGOs; seit 2019 berichtet er u. a. für die New York Times, National Geographic und Le Monde überwiegend aus Krisen- und Konfliktgebieten. Seine Arbeiten, in denen er sich mit Migration und sozialer Ausgrenzung befasst, wurden vielfach prämiert. 2026 etwa wurde Extramuros in der Kategorie Long-Term Projects mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Keo lebt in Paris.
Porträt: © Axelle Kane