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Leica Oskar Barnack Award 2007: Julio Bittencourt „In a Window of Prestes Maia 911 Building“

Preisträger 2007: Julio Bittencourt

Der 26-jährige brasilianische Fotograf Julio Bittencourt erhielt den Leica Oskar Barnack Award 2007 für eine Portraitserie über Einwohner eines von Obdachlosen besetzten Hauses in der Innenstadt von São Paulo.

Julio Bittencourt gibt mit seiner Portraitserie Obdachlosen ein Gesicht, die seit dem 3. November 2002 das Haus Nummer 911 der Prestes Maia Avenue im Herzen von São Paulo bewohnen. Nach seiner Besetzung durch eine Obdachlosenorganisation bietet es Platz für über 1200 Menschen. Bittencourt nähert sich den Einwohnern fotografisch, ohne in ihre unmittelbaren Lebensräume einzudringen. In einem strengen formalen Aufbau portraitiert er die Einwohner an jeweils einem der 364 Fenster des Gebäudes. An der Grenze zwischen beschütztem Innern und der feindlichen Außenwelt lassen sie erkennen, wie viel Leben und Geborgenheit die ärmlichen Wände bieten. Spuren des Verfalls wie von Ruß geschwärzte Wände und notdürftig geflickte Löcher in den Fenstern verstärken den Kontrast zwischen Innen- und Außenwelt. Die neue Stadtregierung von São Paulo will sich des offensichtlichen sozialen Problems in der Innenstadt entledigen und plant eine Räumung des Gebäudes.

„Die Bilddokumentation Julio Bittencourts nutzt die formale Strenge der konzeptionellen Fotografie für eine eindrucksvolle Reportage. Individualität und persönliches Glück des Einzelnen treten durch die Reihung eindrucksvoll in den Vordergrund und stellen so einen besonderen Bezug zwischen ‚Mensch und Umwelt’ im Sinne des Wettbewerbsthemas heraus. Trotz räumlicher Entfernung entsteht so eine respektvolle Nähe zu den Portraitierten, die sich selbst in Szene setzen konnten. Die Arbeit ist ein Dokument der Stärke der Fotografie, die in wenigen Bildern eine vielschichtige Geschichte erzählt und näher bringt“, kommentiert Gero Furchheim, der als Bereichsleiter Unternehmenskommunikation für die Kulturprojekte der Leica Camera AG verantwortlich ist, die Siegerarbeit.

Ehrenvolle Erwähnungen in dem traditionsreichen Wettbewerb aus dem Kulturprogramm der Leica Camera AG gingen an den spanischen Fotografen José Cendon für ein Reportageprojekt in psychiatrischen Krankenhäusern in Ostafrika und die norwegische Fotografin Margaret M. de Lange, die Kindheit und Jugend ihrer beiden Töchter in einem fotografischen Langzeitprojekt festgehalten hat.

Julio Bittencourt

Julio Bittencourt, 1980 in Brasilien geboren, wuchs in São Paulo und New York auf. Der Autodidakt ist seit 2000 als Fotograf tätig, seit 2006 arbeitet er als freier Fotograf. Seine preisgekrönte Serie „In a Window of Prestes Maia 911 Building“ erschien 2008 als Buch. Der Wohnungsnot in Brasilien widmet er sich auch in seinem Projekt „Citizen X“. Die Serie „Ramos“ dokumentiert das Leben in mehreren Favelas rund um einen künstlich angelegten Salzwassersee in Rio de Janeiro. Bittencourts Werk wird weltweit ausgestellt und in angesehenen Zeitungen und Magazinen publiziert.

www.juliobittencourt.com