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Sebastião Salgado – Äthiopischer Hunger, 1985

Sebastião Salgado – Äthiopischer Hunger, 1985

Seine sozialdokumentarischen Bilder von der Hungersnot in Äthiopien prägten sich in das Bewusstsein der Industrienationen ein. Sie sind Kunst und Aufklärung zugleich. Für die emotional aufrüttelnde Serie wurde Sebastião Salgado 1985 mit dem LOBA ausgezeichnet.

Es sind Bilder, die schockieren. Sie zeigen Flucht, Lager, verhungernde Kinder. Sie sind Zeugnisse der katastrophalen Auswirkung einer Dürre, die im Äthiopien der 1980er-Jahre acht Millionen Menschen betraf, Dokumente eines Massensterbens, dem mehr als 500.000 Menschen zum Opfer fielen. Es sind Bilder von Armut, Leid und Tod.

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat diese Bilder festgehalten. Mit seiner Kamera hat er in die Dunkelheit geschaut, in den Abgrund, in den Horror. Es kann nicht leicht sein, das zu tun. Aber wie die Arbeiten seiner Karriere zeigen, hat sich Salgado der Realität verpflichtet, indem er 40 Jahre lang leibhaftige Menschen in den Blick rückte, die wegen Krieg, Ausbeutung, Pest oder Umweltzerstörung vieles, wenn nicht gar alles verloren haben. Die meisten seiner Fotografien fragen: Warum leben Teile der Welt im Überfluss, während andere zu wenig zum Überleben haben?

Die Serie „Äthiopischer Hunger“ kann und soll keine Antwort auf diese Frage geben. Aber sie ist ein Versuch, das abzubilden, was auf der Erde, außerhalb des eigenen Dunstkreises, passiert. „Die Fotografie ist die Sprache, die es Menschen ermöglicht, das zu sehen, was du selbst gesehen hast“, hat Salgado einmal gesagt. Und so bietet er dem Betrachter die Option, in eine Welt zu schauen, die ihm sonst verschlossen geblieben wäre. Eine Welt, die zweifellos existiert, und die mitunter grausam, brutal und desillusionierend ist: Ein Kind, nur noch Haut und Knochen, wird in ein Leichentuch gehüllt. In einem Lager hocken zusammengepfercht äthiopische Familien und hoffen auf Erlösung. Einem kleinen Jungen laufen auf einer Porträtaufnahme dicke Tränen über die Wange. In eindringlich ästhetischen Aufnahmen führt Salgado das Schicksal, den Tod direkt vor aller Augen. Er zeigt Menschen, die in einer äußerst furchtbaren, qualvollen Situation ausharren müssen.

„Die Fotografie ist eine Sprache, die keine Übersetzung braucht. Fotografie ist die Sprache, die es Menschen ermöglicht, das zu sehen, was du selbst gesehen hast.“

Salgado erhielt für diese Serie über die Hungerkatastrophe in Äthiopien 1985 den Leica Oskar Barnack Award. Die Jury zeichnete seine ausdrucksstarken Bilder mit der Begründung aus, dass sie „den Gedanken an Menschlichkeit und Menschenliebe in unserer Gesellschaft sichtbar machen“. Bis zum Jahr 2000 fotografierte Salgado Menschen, er dokumentierte Arbeiter in den Goldminen Afrikas oder Migranten, die vor Hunger und Krieg fliehen. In einem Interview bekannte er einmal: „Ich habe mein ganzes Leben lang nur ein Tier fotografiert, uns selbst.“

Sebastião Salgado

Sebastião Salgado wurde 1944 in Brasilien geboren. Er zählt zu den bekanntesten und renommiertesten Fotografen der Welt. Sein Werk ist mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. zweimal mit dem LOBA (1985 und 1992), mit dem Hasselblad Foundation Award und dem Dr.-Erich-Salomon-Preis. 2019 wurde Salgado als erster Fotograf mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Zusammen mit seiner Frau Lélia engagiert er sich für internationale Umwelt- und medizinische Hilfsorganisationen. Er lebt in Paris und in Brasilien.