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Eugene Richards – Death of an Oasis, 1993/94

Eugene Richards – Death of an Oasis, 1993/94

In dem Versuch, die Wüstenränder mit Bewässerungsprojekten zu begrünen, trocknet die nigerianische Regierung die letzten Feuchtgebiete des Landes aus. Für das Magazin „Audubon“ reiste der Amerikaner Eugene Richards gemeinsam mit dem Umweltautoren Fred Pearce in jene Oase, die dem Tod geweiht scheint.

Einst war das Gebiet im Norden Nigerias reich an Flora und Fauna, an Gras und Vogelleben. Als Eugene Richards jedoch im Januar 1992 im Auftrag des Magazins „Audubon“ für zehn Tage dorthin fuhr, empfing ihn ein anderes Bild. Er fand einen Ort vor, an dem es zwar überall Wasser gab, aber Trinkwasser war knapp. Die Böden erodierten, die Wüste dehnte sich aus. Überweidung, Dürre, schlechte Wassererschließung. Auch wenn damals der Begriff „globale Erwärmung“ noch nicht sehr verbreitet war, kann man die Fotoserie über die Hadejia-Nguru-Feuchtgebiete als eine Warnung vor der Zukunft verstehen. Die Bedrohung für den Fortbestand dieses Teils der Welt geht weiter.

„Ich erinnere mich, dass ich gerade duschte, als jemand bei mir zu Hause anrief, um bekannt zu geben, dass ich den LOBA erhalten würde. Ich war äußerst überrascht und erfreut.“

Richards bildstarke, ausdrucksvolle Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen das Leben der Menschen im Norden Nigerias. Wie sie sich vom Fischfang und der Viehzucht ernähren. Wie sie mit der Witterung, der Zerstörung und Ausbeutung ihres Lebensraums zu kämpfen haben. In einer Region, in der praktisch der gesamte Regen im August und September fällt und in der die Bevölkerungsdichte hoch ist, sind die Feuchtgebiete eine lebenswichtige Ressource. „Seit fast 20 Jahren versuchen westliche Berater und eine nigerianische Regierung nach der anderen, diese Wüstenränder zu erschließen“, erzählt der Fotograf. „Sie wollen das Land begrünen, indem sie das Wasser hinter den Dämmen zähmen und die Reserven in große Bewässerungsprojekte umleiten. Ihre Bemühungen könnten die Feuchtgebiete in eine Staubschüssel verwandeln.“

Obwohl der Mensch im Mittelpunkt seiner Arbeiten steht, ist er manchmal nur als Ausschnitt zu sehen. Eine Hand, die sich bei der körperlich harten Feldarbeit vom Ackerboden hebt. Zwei Füße, die in einem Boot zwischen Wasser und Fischen ihren Halt suchen. Auf poetische und tiefe Weise beschreiben seine Fotografien das unglaublich schwierige Leben der Bewohner, und die kaputte Landschaft um sie herum. Die Umgebung erscheint als Mixtur aus Technik und Schlamm, aus brutalem Eingriff und vergangener Schönheit. Ein apokalyptischer Ort. Eine Oase des Todes. Für diese Serie hat Eugene Richards den LOBA 1993/94 in der Kategorie „Environmental Story“ gewonnen. „Ich erinnere mich, dass ich gerade duschte, als jemand bei mir zu Hause anrief, um bekannt zu geben, dass ich den LOBA erhalten würde“, erzählt er. „Ich war äußerst überrascht und erfreut.“

„Was die Frage betrifft, ob Fotografie politisch sein muss, so sollte ein Teil natürlich immer politisch sein.“

Heute ist Eugene Richards 75 Jahre alt. Er gehört zu den wichtigsten Fotografen Amerikas und war lange Zeit Mitglied der renommierten Agentur Magnum Photos. Er blickt auf eine 50-jährige Karriere zurück, ab 2017 fand in drei großen Museen der Vereinigten Staaten eine Retrospektive seiner Werke statt. Sein Œuvre ist geprägt durch den Schwarzweißfilm, es enthält Bücher, Zeitschriftenaufträge, Fotoreportagen, Filme. Seine Arbeiten werden oft als „sehr persönlich“ charakterisiert. Richards engagierte sich gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechtsbewegung, er gründete die Menschenrechtsorganisation Respect. Und so sind seine Fotografien auch mit dem Anspruch zu verstehen, an das soziale Bewusstsein der Betrachter zu appellieren. „In der Zeit, in der wir leben, wird die Fotografie immer weniger politisch“, findet er. „Die Magazine und das Web sind gefüllt mit meist inszenierten Porträts und sogenannten Kunstfotografien. Was die Frage betrifft, ob Fotografie politisch sein muss, so sollte ein Teil natürlich immer politisch sein.“

Eugene Richards

Eugene Richards wurde 1944 in Massachusetts geboren und absolvierte ein Studium bei dem Fotografen Minor White. Viele Reisen führten ihn nach Afrika, aber auch durch das eigene Land. So widmet er sich etwa seit fast 50 Jahren dem Arkansas Delta, 1973 erschien dazu sein erstes Buch „Few Comforts or Surprises“ über die Armut der Menschen in den ländlichen Gebieten von Arkansas. Gerade plant er über die Deltaregion eine weitere Publikation. Es berichtet von Arbeitern und ihrer Produktionsweise in einer kleinen Stadt am Mississippi.

Porträt: © Jocelyn Bain-Hogg