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Nicolò Filippo Rosso – Forgotten in Dust

Nicolò Filippo Rosso – Forgotten in Dust

Wie Staub legen sich die Kohlepartikel aus einem der weltgrößten Tagebaue auf das Leben, das Glück und die Erinnerungen der Einwohner von La Guajira. Der LOBA-Nominierte Nicolò Filippo Rosso bereiste die Halbinsel in den letzten Jahren immer wieder und hielt in seinen Schwarzweißaufnahmen die bedrohliche Lage vor Ort fest. Seine Serie ist eine fotografische Auseinandersetzung mit der Ungerechtigkeit.

Unter schweren Wolken bewegt sich durch eine karge Landschaft der Kohlenzug wie eine giftige eiserne Schlange. Schwarz wie die Mine und schwarz wie das Gestein, transportiert er den Rohstoff, der Energie bringen soll und sie gleichzeitig schluckt. Der dem Land die Ressourcen raubt, die Umwelt schädigt und Armut und Sterblichkeit nach sich zieht. Auf La Guajira, einer Halbinsel im Nordosten Kolumbiens, herrscht seit Jahren eine humanitäre Krise gewaltigen Ausmaßes. Während die Mine jeden Tag über 16 Millionen Liter Wasser verbraucht, leidet die Region unter Dürre und die Einwohner an Wassermangel. Wie ein schwarzer Schleier legt sich der Kohlenstaub über das Leben und das Land.

„Diese Anerkennung durch den LOBA ist bedeutsam, denn wenn Arbeit Aufmerksamkeit erfährt, kann sie mehr Menschen erreichen und inspirieren und manchmal sogar zum Motor einer Veränderung werden.“

La Guajira ist die Heimat der Wayuu, eines indigenen Volkes, das die Halbinsel geprägt hat und heute vom Verschwinden bedroht ist. Auf Wayuunaiki, der Sprache der Wayuu, wird der weiße Mann „Arijuna“ genannt, was so viel bedeutet wie „der Mann, der den Schmerz bringt“. Der italienische Fotograf Nicolò Filippo Rosso brauchte mehrere Monate, um Zugang zu den Wayuu zu finden, Freundschaften zu schließen und sie fotografieren zu dürfen. „Mein Ansatz ist langsam und physisch“, sagt er. „Ich möchte dabei sein, wenn etwas passiert. Ich will da sein, wenn eine Frau kurz vor der Ohnmacht steht, weil sie zu unterernährt ist, um zu stehen, und ich will da sein, wenn ich irgendwie helfen kann. Ich will da sein, weil das der Moment ist, um ein Foto zu machen, und zwar so einfühlsam wie möglich.“

Eine Frau liegt bei der Entbindung auf einem Steinboden, Kinder betteln mit leeren Wasserflaschen um etwas Flüssigkeit, ein ausgemergelter Körper wird gewaschen: Rossos Bilder sind intime und unverklärte Zeugnisse des alltäglichen Kampfes gegen Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Hunger. Sie erzählen Geschichten von Schmerz und Trauer, aber auch von der Zähigkeit und dem Mut der Erwachsenen, trotz aller widrigen Umstände eine Zukunft für ihre Kinder zu schaffen. „Meine Bilder sind ein Appell, über Privilegien und Benachteiligungen nachzudenken“, sagt er. „Ich fotografiere Menschen und suche nach Einfachheit und Inhalt, um das Wesen ihres Zustandes zu verstehen und zu enthüllen.“

„Fotografie ist eine Form des Protests. Während die Menschen weiterhin leiden, während sie weiterhin Opfer von Ungerechtigkeit sind, fotografiere ich sie auch weiter. Der Impuls ist ein Gefühl der Verantwortung, das über die Jahre gewachsen ist.“

Neben dem Volk der Wayuu hat der Fotograf venezolanische Einwanderer in Kolumbien und mittelamerikanische Migranten auf ihrer Überfahrt nach Mexiko und in die USA begleitet. Gleichsam aus einem Mikrokosmos heraus spannt Rosso einen Bogen zu den allgemeinen und großen Themen der Welt, spiegeln seine Aufnahmen doch die menschlichen Bedingungen der Zeit wider: Armut, Leid, Verdrängung, Flucht, Gewalt. „Wenn ich einen Migranten fotografiere“, berichtet Rosso, „denke ich an all die Millionen von Menschen, die einen ähnlichen Moment erleben. Wenn ich das Leben des Wayuu-Volkes in La Guajira dokumentiere, denke ich über den Verlust alter Kulturen nach.“ Immer noch sei La Guajira ein heiliges Land für seine Bewohner, erzählt Rosso. Auf der Insel gebe es einen kleinen Sandhügel, der in das Karibische Meer ragt und zu dem die Seelen der Verstorbenen gehen – bevor sie in den Himmel aufsteigen und zu Sternen werden.

Nicolò Filippo Rosso

Nicolò Filippo Rosso wurde 1985 in Italien geboren und lebt in Kolumbien. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten als Fotograf stehen Geschichten über Traumata, Ungleichheit und Ungerechtigkeit; seine Werke widmen sich nationalen Konflikten und dem Klimawandel. Seit 2018 dokumentiert er die venezolanische Migration in Kolumbien. Neben persönlichen und redaktionellen Arbeiten für Magazine, Zeitungen und NGOs hält er häufig Vorträge über Fotografie und Journalismus an Universitäten in Kolumbien, Europa und den USA.

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