Interview mit Douglas So

Die Würfel sind gefallen – beim 37. Leica Oskar Barnack Award stehen Terje Abusdal als Gewinner und Sergey Melnitchenko als Nachwuchspreisträger fest. Die poetische Serie Slash & Burn und die dichte Reportage Behind the Scenes überzeugten die Jury. Ihr Mitglied Douglas so spricht über seine Eindrücke vom LOBA 2017.

Seit 1979 verleiht die Leica Camera AG den Leica Oskar Barnack Award, seit 2009 zusätzlich einen Newcomer Award für Fotografen unter 26 Jahren. 2017 haben sich rund 2700 Fotografen aus 104 Ländern für den LOBA beworben.

„Die zwölf Serien zeichnen sich durch ihre enorme Vielseitigkeit aus. Der individuelle Blick jedes einzelnen Fotografen und seine künstlerische Interpretation des Wettbewerbsthemas – das Miteinander von Mensch und Umwelt – machen jede Serie auf ihre ganz eigene Art und Weise besonders“, so Karin Rehn-Kaufmann, Art Director & Generalbevollmächtigte Leica Galerien International.

Der norwegische Fotograf Terje Abusdal konnte die Jury mit seiner Serie Slash & Burn über die Waldfinnen, eine Volksgruppe in Norwegen, für sich gewinnen – auf ihn wartet ein Preisgeld von 25 000 Euro.In der Nachwuchskategorie konnte der ukrainische Fotograf Sergey Melnitchenko überzeugen; seine einfühlsame Reportage über Tänzerinnen in einem chinesischen Club wird mit 10 000 Euro prämiert. Beide Gewinner bekommen zusätzlich eine Leica-M-Ausrüstung im Wert von 10 000 Euro; die Finalisten erhalten einen Geldpreis in Höhe von 2500 Euro.

Die feierliche Preisverleihung findet am 13. September in Berlin statt. Die große Ausstellung aller zwölf Serien ist vom 14. September bis zum 15. Oktober 2017 in der Neuen Schule für Fotografie in Berlin zu sehen; im Anschluss werden die Gewinnerserien im November auf der Paris Photo und während des PhotoLux-Festivals in Lucca präsentiert. Weitere Stationen folgen. LFI sprach mit Douglas So über seine Eindrücke vom diesjährigen Wettbewerb.

Tradition und Mystik, Herkunft und Zugehörigkeit, Fakten und Fiktion: darum geht es dem Norweger Terje Abusdal in seiner Gewinnerserie Slash & Burn. War das auch Ihr Favorit?

Zunächst möchte ich Terje Abusdal zu seiner fantastischen Serie gratulieren. Neben den Qualitäten, die Sie skizzieren, manifestiert sich in diesem Portfolio Schönheit und Tiefe in einem poetischen Sinne. Jedes Mal, wenn ich mir die Serie ansah, gab es in diesem Werk mehr zu entdecken und mehr zu schätzen. Die Konkurrenz war ungemein stark, aber Slash & Burn erhielt von der Jury die stärkste Unterstützung.

In der Fotografie hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel verändert, verschoben – warum glauben Sie, ist ein Preis wie der LOBA mit dem Anspruch, der da- hinter steht, heute noch wichtig?

Der LOBA bietet sowohl etablierten als auch Newcomer-Fotografen eine seriöse internationale Plattform, um ihre Arbeiten zu zeigen, ihre Geschichten zu erzählen und ihre Träume zu realisieren. Der Preis ist ja ein bewährter Maßstab für Exzellenz. Er ist damit nicht nur relevant, er ist zudem begehrt bei Fotografen, die wollen, dass die Welt ihre Arbeiten sieht und schätzen lernt. Auf vielerlei Art und Weise bleibt der LOBA einer der wichtigsten Preise in den Ruhmeshallen der Fotografie.

Beim LOBA geht es immer um Serien – wie wichtig ist für Sie die Serie im Vergleich zum Einzelbild – gerade im Hinblick auf moderne Erzählstrukturen?

Fotoessays haben für mich immer eine besondere Bedeutung. Glück und Zufall können bisweilen eine entscheidende Rolle dabei spielen, ein gelungenes Einzelbild umzusetzen. Es braucht aber viel mehr als das, um eine kohärente und ästhetisch überzeugende Serie zu erschaffen. Eine Serie, die eine kraftvolle Aussage vermittelt oder ein kompliziertes Thema interpretiert; ein Einzelbild kann das oftmals nicht transportieren.

„Der LOBA bietet sowohl etablierten als auch Newcomer-Fotografen eine seriöse internationale Plattform, um ihre Arbeiten zu zeigen, ihre Geschichten zu erzählen und ihre Träume zu realisieren.“

Der diesjährige Nachwuchspreisträger hat mit einer Reportagearbeit gewonnen, die sehr nah an einem schwierigen Thema entstanden ist – eine beeindruckende Arbeit für einen so jungen Fotografen. Wie sehen Sie das?

Die Serie über einen chinesischen Nachtclub ist ein ungewöhnliches und schwieriges Thema, das es zu- vor kaum so zu sehen gab oder das jemals diskutiert wurde. Für einen jungen und ausländischen Fotografen muss es eine große Herausforderung gewesen sein, diese Bilder einzufangen. Die hohe Qualität dieser ehrlichen und starken dokumentarischen Arbeit hat mich nachhaltig beeindruckt.

Gab es etwas, das Sie besonders überrascht hat?

Mich hat die große Vielfalt der eingereichten Arbeiten auf eine sehr positive Weise überrascht. Ganz klar, die Fotografen versuchten durch ihre Arbeiten der Jury zu vermitteln, was sie glauben, was relevant, wichtig und einzigartig ist. Meiner Meinung nach bestand die Herausforderung für die Jury darin, dass man bisweilen Äpfel mit Birnen zu vergleichen hatte – aber der Obstkorb, der uns präsentiert wurde, war einer der fantastischsten, die ich je erlebt habe!

Sie haben an zukünftige Bewerber einen Wunsch frei … 

Zeigt der Welt, dass Fotografie eine der schönsten Kunstformen ist; lasst den Wunsch wahr werden.

Douglas So

Jury-Mitglied 2017, ist Gründer und Direktor des F11 Fotomuseums in Hongkong