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David C. Turnley – South Africa 1985, 1986

David C. Turnley – South Africa 1985, 1986

Er sieht sich als einen Humanisten mit einer Kamera: Zwölf Jahre lang, von 1985 bis 1997, hielt David C. Turnley das Leben Südafrikas unter und nach der Apartheid fest. Und sandte mit seinen eindringlichen Bildern einen Aufruf an die Welt.

Der 11. Februar 1990 war ein ganz besonderer Tag. Der Amerikaner David C. Turnley nahm an diesem Tag das Bild auf, das ihn am glücklichsten gemacht hat. Es zeigt Nelson Mandela, den späteren ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas, nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis, an der Seite seiner Frau, beide mit erhobener Faust. Der jahrzehntelange Freiheitskampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit schien gewonnen, die Apartheid stand kurz vor dem Aus. „Ich war sehr stolz darauf, einer von jenen zu sein, die mit ihrer Arbeit alles getan haben, was sie konnten, um zum Kampf, zur Bewusstseinsbildung, zur Beendigung der Apartheid und zum Beginn eines neuen Südafrika beizutragen“, sagt Turnley heute. Bevor er das berühmte Bild von 1990 schoss, war er als Fotograf bereits fünf Jahre lang in dem Land unterwegs, er dokumentierte die gewaltsame Unterdrückung farbiger Menschen, die Demütigungen, die mit den rassistisch definierten Herrschaftsbeziehungen einhergingen.

„Die Arbeit, die ich als Dokumentarfotograf für den Kampf in Südafrika geleistet habe, war eines der großen Privilegien und Ehren meines Lebens.“

Seine Bilder aus dieser Zeit erzählen von der alltäglichen Realität und ihrer Tragik. Sie zeigen die Unwürdigkeit, die Brutalität, den Tod, die Tränen. Er fotografierte die Menschen bei ihrer Arbeit, zu Hause, auf Demonstrationen, Beerdigungen. Er sagt: „Ich denke, das wichtigste Element meines Ansatzes als Dokumentarfotograf ist es, wirklich in das Leben der Menschen, die ich fotografiere, einzutauchen. Geduldig zu sein und die Möglichkeit zu bekommen, dass echte, oft berührende und unerwartete Momente entstehen. Ich interessiere mich immer für die Menschlichkeit einer Person und möchte mir den Weg zum Fotografieren verdienen.“ Und so ist er den Menschen auf seinen Bildern stets mit dem Gefühl begegnet, dass jedem von ihnen eine würdige Behandlung gebührt. Mit Respekt, Vertrauen, Empathie und offenem Herzen. „Ich bin ein Humanist mit einer Kamera“, sagt Turnley von sich selbst.

1986 hat er für seine Serie über Südafrika den Leica Oskar Barnack Award gewonnen. Dieser Preis war für ihn eine große Auszeichnung und zugleich eine enorme Unterstützung und Inspiration für seine Arbeit, die er als eine der großen Privilegien und Ehren seines Lebens empfindet. Es sei wichtig für ihn gewesen, sagt er, seine Kamera als ein Werkzeug zu benutzen, um auf die Tatsache hinzuweisen, dass jede Gesellschaft, die Rechte nach Rasse definiert, grundlegend falsch und tragisch und zutiefst ungerecht ist. Seine Fotografien sind nicht nur Zeugnisse eines menschenfeindlichen Systems, sondern gleichsam ein Appell an die ganze Welt.

„Der Leica Oskar Barnack Award, der jedes Jahr an einen Fotografen aus der ganzen Welt verliehen wird, ist eine große Ehre – wirklich eine der besonderen Ehrungen, die jeder Fotograf erhalten kann – und die Bestätigung, dass das inmitten einer manchmal lebensgefährlichen Arbeit möglich ist, war eine enorme Unterstützung und Inspiration.“

Neben der Dokumentation der Apartheid in Südafrika dokumentierte er im Laufe seiner 47-jährigen Karriere als Fotograf auch die Revolutionen in Osteuropa, den Fall der Sowjetunion, den Golf- und den Bosnienkrieg und wurde so immer wieder Zeuge gesellschaftlicher Krisen und Veränderungen. Auch als Mandela 1994 zum Präsidenten eines demokratischen Südafrika gewählt wurde, war der Fotograf vor Ort. Er war für „Madiba“, wie man den Friedensnobelpreisträger auch nannte, ein Weggefährte geworden, er begleitete ihn bis zu seinem Tod im Jahr 2013. Turnley erinnert sich daran, dass jedes Mal, wenn der Präsident an einem Bankett teilnahm, er zuerst die Köche, Kellner, und Security-Kräfte begrüßte, bevor der offizielle Empfang stattfand. „Er war ein Mann von so tiefem Respekt für Menschen, der auf ihrem Charakter beruhte und nicht auf der Farbe ihrer Haut, ihrem Geschlecht, ihrer Identität oder ihrem Reichtum“, erzählt er. Und diese Erfahrung lebe bis heute in ihm – und inspiriere ihn jeden Tag aufs Neue.

„Ich habe während meiner gesamten Karriere immer mit einer M-Leica fotografiert. Ich fühle mich sehr glücklich, wenn ich mit meiner Leica arbeite – und ich weiß, dass die Qualität dieser wunderschön konstruierten Kamera genauso anspruchsvoll ist wie meine Bemühungen um ausdrucksstarke Fotos. Es ist eine Ehe, bei der sich wie bei allen guten Ehen eins plus eins wie zehn anfühlt!“

David C. Turnley

David C. Turnley wurde 1955 in Fort Wayne, Indiana, geboren und blickt auf eine Laufbahn zurück, die ihn in rund 90 Länder führte. Er ist Gewinner des Pulitzer-Preises und erhielt neben dem LOBA die Robert Capa Gold Medal und zweimal die Auszeichnung World Press Photo of the Year. Im Moment arbeitet er an mehreren Buchprojekten, seine Werke werden in verschiedenen Museen gesammelt und ausgestellt. Derzeit fotografiert Turnley mit der Leica M10.

Porträt: © Rachel Turnley