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Barry Lewis – Copșa Mică, 1991

Barry Lewis – Copșa Mică, 1991

Verseucht von zwei Industrieanlagen, hatte die Stadt lange den Ruf die dreckigste in Europa zu sein. Als der britische Fotograf die kleine rumänische Stadt Copșa Mică auf mehreren Reisen dokumentierte, hielt er nicht nur die Vergiftung der Region in seinen Bildern fest, sondern zeigte auch ein Land im Schockzustand zwischen Diktatur und politischem Umbruch. Mit seiner Dokumentation sorgte Lewis damals für internationale Aufmerksamkeit.

Nur zwölf farbige Kleinbilddias genügten, um die LOBA-Jury zu überzeugen: Die Motive zeigten unerbittlich den erschütternden Zustand der rumänischen Stadt Copșa Mică. Jahrzehntelang hatten die dort angesiedelten Fabriken die gesamte Stadt und ihre Bewohner vergiftet. Der britische Fotograf dokumentierte ein Land im Wandel: Im Dezember 1989 endete das neostalinistische Regime Nicolae Ceaușescus in Rumänien, Stillstand und Angst schienen das Land zu beherrschen. Im Auftrag des Magazins „Life“ reiste Lewis unmittelbar nach dem politischen Umbruch ins zentralrumänische Siebenbürgen. Bereits einige Monate zuvor war er das erste Mal dort, damals noch unter strenger Kontrolle des allgegenwärtigen rumänischen Geheimdienstes, der Securitate. Damals reiste er – getarnt als Tourist – für das „Sunday Times Magazine“ gemeinsam mit einem Schriftsteller und Übersetzer erstmals in das Industriegebiet, um dort die Arbeitsbedingungen und folgenschweren Umweltschäden durch die Fabrik Carbosin zu dokumentieren. Eine kurze Verhaftung ließ nicht lange auf sich warten, denn warum sollten Touristen ausgerechnet eine Industriestadt fotografieren und Fragen stellen. Mit Glück war die Festsetzung nur von kurzer Dauer.

„Es war wie der Gang in eine moderne Hölle, innen heiß und dunkel, draußen gefrorener Schnee. Die Straßen der Stadt waren geschwärzt und größtenteils leer ... wie eine postapokalyptische Landschaft mit sehr wenigen beleuchteten Fenstern in den dunklen Häusern.“

Die dramatischen Auswirkungen der Herstellung von Ruß für die Reifenindustrie, für Tinte und Farben waren überall sichtbar: „Der klebrige schwarze Rauch quoll ungefiltert aus den Schornsteinen. Die Emissionen hatten das Gebiet fast 60 Jahre lang durchdrungen und eine Rußschicht auf Häusern, Bäumen und Tieren und allem anderen hinterlassen“, erinnert sich der Fotograf. „Die Wirkung wurde noch durch den Umstand verstärkt, dass der Neuschnee zwar schwarz wurde, aber beim Gehen weiße Fußabdrücke hinterließ – eine Art negative Landschaft.“ Bei seinem zweiten Besuch arbeiteten nur noch etwa zehn Personen in der Fabrik, die sich „in einem Zustand des Schocks und der Verwirrung befanden, weil alle Manager fortgegangen waren“. Die Stimmung war unwirklich, die geschwärzten Gesichter der letzten Arbeiter wurden nur von ein paar nackten, mit Ruß verkrusteten Glühbirnen schwach beleuchtet. Es mangelte überall an Nahrung, Heizmaterial, aber auch an Informationen über die Zukunft.

„Mir erschien es völlig surrealistisch, dass das Leben weiterging, wenn auch langsam und benommen: Die Leute gingen zur Arbeit, tranken schwaches Bier in dunklen Bars, Kinder spielten im schwarzen Schnee, Mütter standen für die wenigen verfügbaren Lebensmittel an. Ich wurde nicht gesehen, ich fühlte mich wie ein Gespenst.“

Diesen desolaten Zustand hielt Lewis mit seiner Leica CL und einer Canon EOS 1 in eindringlichen Farbbildern fest, seine Reportage wurde mehrfach gedruckt und erzielte eine große Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt durch den LOBA: „Die Auszeichnung und die damit verbundene Öffentlichkeitsarbeit waren sowohl für mein Profil als auch das der Fotoagentur Network Photographers, die ich zehn Jahre zuvor mitgegründet hatte, hilfreich. Ich fotografierte dann regelmäßig für das Magazin ‚Life‘ und arbeitete bis zu dessen Ende an mehreren langen Aufträgen.“ Ein Jahr nach seiner LOBA-Serie versuchte der Fotograf erneut, auf das Gelände der Fabrik zu kommen, doch er wurde gewaltsam daran gehindert: „Die Politik hatte sich in Namen und Ansehen, aber nicht in der Struktur geändert. Kontrolle war alles. Niemand wollte etwas über Copșa in Bukarest hören, es gab wenig politischen Willen oder Geld, um aufzuräumen.“ Bis heute ist das Gebiet rund um Copșa Mică schwer geschädigt, nicht nur durch die Fabrik Carbosin, sondern auch durch die bis heute arbeitende Fabrik Sometra, eine Schmelzhütte, deren Emissionen aus Blei, Cadmium und Schwefelsäure zu noch schwereren gesundheitlichen Problemen der dort lebenden Menschen führten. Auch nach der Teilschließung und Sanierung bleibt der Boden verseucht, die Lebenserwartung ist noch immer deutlich geringer als im Rest des Landes.

Barry Lewis

Barry Lewis wurde 1948 geboren. Zunächst als Chemiker tätig, ist er seit 1977 freiberuflicher Fotograf und arbeitete er für viele internationale Magazine und Organisationen. 1981 war er Mitbegründer und Direktor der Bildagentur Network Photographers, die bis 2005 bestand. Zahlreiche Publikationen, darunter „Vaguely Lost In Shangri-La: Photographs From The Glastonbury Festival“ (2017) und „Miami Beach 1985–1995“ (2019). Er lebt und arbeitet als Fotograf, Regisseur und Filmemacher in London.

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