010203040506070809010011012
Larry Towell – Die Mennoniten, 1996

Larry Towell – Die Mennoniten, 1996

Sie stammen aus der Täuferbewegung und verfolgen strenge Riten – nahezu abgeschottet vom Rest der Gesellschaft lebten Anfang der 1990er-Jahre Tausende Mennoniten in Mexiko. Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten kehrten viele Männer als Saisonarbeiter nach Nordamerika zurück. Dort hat Larry Towell sie getroffen.

Bilder wie aus einer anderen Zeit: Die Frauen tragen schwarze, knielange Röcke, breite Schürzen und Strohhüte mit Krempe, die Männer Latzhosen und Hemd. In den 1920er-Jahren verließen die „Old Colony“-Mennoniten Kanada und siedelten sich in Mexiko neu an. Doch nach Jahrzehnten kehrten viele Männer als Saisonarbeiter zurück – so wie sie gegangen waren, gleich gekleidet und fromm wie immer. In seiner Nachbarschaft im ländlichen Ontario ist ihnen der kanadische Fotograf Larry Towell zu Beginn der 90er-Jahre begegnet. Er sagt: „Ich fand sie, ohne wirklich nach ihnen zu suchen, als sie Gurken und Tomaten auf den Gemüsefeldern in der Nähe ernteten.“

Die „Old Colony“-Mennoniten, eine besonders konservative Gruppierung der Religionsgemeinschaft, lebte vor 30 Jahren noch nach strengen religiösen und kommunalen Regeln, nahezu abgeschlossen vom Rest der Zivilisation. In ihren Siedlungen in Mexiko waren Fahrzeuge, Elektrizität, Traktoren und der Kontakt mit der Außenwelt verboten, Zeitungen, Radio, Kameras oder Fernsehen nicht erlaubt. Die Lage in dem Land war damals mehr als schwierig, die Wirtschaft zusammengebrochen und die Preise für Agrargüter niedrig. Deshalb verdienten die meisten Männer der Glaubensgemeinschaft zur Erntezeit als Arbeiter in Kanada und den USA ein kleines Zubrot. „Sie hatten sich historisch von der Gesellschaft abgesetzt, wurden aber aus ökonomischer Notwendigkeit und Besitzlosigkeit in den Norden getrieben“, erzählt Towell. „Und was wird aus einem landlosen Bauern anderes als ein Wanderarbeiter?“

„Sie kamen aus Siedlungen, in denen Fahrzeuge, Elektrizität, Traktoren auf Gummirädern, der Kontakt mit der Außenwelt über Zeitungen, Radio, Zeitschriften oder Fernsehen sowie moderne Annehmlichkeiten wie Kameras nicht erlaubt sind.“

Nach seiner Begegnung mit den Mennoniten auf den Feldern von Ontario entschied sich der Magnum-Fotograf für eine Dokumentation über sie: „Ich mochte sie, also mochten sie mich, und sie ließen sich von mir fotografieren“, sagt er. Sie luden ihn nach Mexiko ein und Towell durchquerte zusammen mit ihnen Amerika in ihren heruntergekommenen – im eigenen Zuhause strikt untersagten – Fahrzeugen. Auf dieser Reise hielt Towell das Leben der Glaubensgemeinschaft fest, angefangen bei den einfachen, kargen Höfen über die harte Arbeit auf dem Feld bis hin zu sonntäglichen Gottesdiensten und Festen. Seine Bilder sind Zeugnisse eines Daseins in Leid, Armut und Strenge, aber auch geprägt von Liebe, Kindern, Familie und Zugehörigkeit. Trotz scheinbar flüchtiger Momente wirken die Aufnahmen wie Kompositionen aus Licht, Schatten und Konturen, wie sanfte Poesie in Schwarzweiß. Towell selbst sagt über seinen fotografischen Ansatz: „Ich habe überhaupt keinen Stil. Ich fotografiere nur das, was vor mir liegt.“

Für seine Serie über die Mennoniten hat er 1996 den LOBA gewonnen. „Meine Karriere hatte damals gerade erst begonnen, sodass der Preis mir und dem Projekt eine gewisse Anerkennung brachte“, erinnert er sich. Heute gehört er zu den bekanntesten Fotografen weltweit, seine Bilder erschienen in Publikationen wie „Life“, „New York Times“, „Esquire“ oder „Geo“. Sein Buch „Die Mennoniten“ ist seit langem vergriffen. Deshalb hat sich Towell gerade mit einem Verleger eine Woche in seinem Bauernhaus verschanzt, um eine Neuauflage zu planen. 30 Jahre sind seit seinem ersten Treffen mit den Mitgliedern der mennonitischen Freikirche vergangen, zehn Jahre dauerte sein Projekt über sie an. Als er es beendete, hatten sich die traditionellen Kolonien in Mexiko verändert, sie verfügten nun über Elektrizität und Lastwagen. „Einige Mennoniten blieben in Kanada, aber die meisten sind in ihre Heimat zurückgekehrt“, berichtet Towell. „Ich sehe sie nicht mehr … es scheint so lange her.“ Etwas aber, meint er, habe er damals von ihnen gelernt: Geduld. Und langsam zu arbeiten.

Larry Towell

Auf der Visitenkarte von Larry Towell steht „Mensch“. Die Erfahrung als Dichter und Folk-Musiker hat viel zu seinem persönlichen Stil beigetragen. Er ist seit den 1980er-Jahren mit der Agentur Magnum Photos verbunden und seit 27 Jahren Mitglied. Er ist Autor von 14 Büchern, im Jahr 2020 wurde er Guggenheim Fellow. Towell wurde in Kanada geboren und lebt dort. Towell wurde 1953 in Kanada geboren und lebt dort.