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Bertrand Meunier – Erased, 2001

Bertrand Meunier – Erased, 2001

China im Umbruch: Die Folgen wirtschaftlicher Veränderungen für den Menschen präsentiert der französische Fotograf eindrücklich in seiner Serie „Erased“, für die er 2001 mit dem Leica Oskar Barnack Award ausgezeichnet wurde. In starken Schwarzweiß-Motiven erzählt er vom Ende großer chinesischer Industriestädte, stellt dabei vor allem die harte Lebensrealität der Arbeiter in den Mittelpunkt.

Vor 20 Jahren blickte man vor allem mit Erstaunen auf den rasanten Wirtschaftsboom und das Entstehen von unzähligen Megacitys in China. Doch schon damals war bei aller Bewunderung wirtschaftlicher Wachstumssprünge bei genauem Hinsehen auch die dunkle Seite dieser gewaltigen Veränderungsprozesse sichtbar. Der französische Fotograf, der seit Ende der 1990er-Jahre immer wieder nach China reiste, stellt in seiner ausgezeichneten Serie „Erased“ die Menschen in den Mittelpunkt, die als Verlierer der Entwicklung oft übersehen werden. Seine rauen, kontrastreichen, oft mit Unschärfe arbeitenden Bilder, erzählen von der Realität hinter dem chinesischen Wirtschaftswunder. Der Staat setzte damals rigoros die wirtschaftliche und gesellschaftliche Umstrukturierung fort; eine Folge dieser Politik war die kontinuierliche Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich. Vor allem die Arbeiter am untersten Ende der sozialen Leiter wurden immer ärmer. Die zentralchinesischen und westlichen Regionen litten besonders schlimm und konnten damals als Katastrophengebiete eingestuft werden. Die Gewalt, die diesem individuellen Kampf ums Überleben, um Arbeit und für ein Dach über dem Kopf zugrunde liegt, wird von Bertrand Meunier brutal und physisch wahrgenommen: „Sie ist überall zu spüren; sie ist permanent; sie durchdringt die Atmosphäre.“

„Ich muss sagen, dass ich mich in meiner Arbeit gern auf Langzeitprojekte konzentriere. So möchte ich mir die Zeit und den Raum geben, um ein Thema zu verstehen.“

Meunier konzentriert sich in seiner Serie auf die Lebensbedingungen der verarmten Industrieregionen. Nach der kurzen Periode der Industrialisierung Chinas ab den 1950er-Jahren, in der Kohleabbau und Stahlproduktion im Vordergrund standen, wurden im Zuge wirtschaftlicher Reformen ab den 1970er-Jahren viele Anlagen aus Rentabilitätsgründen geschlossen. Neben der enormen Umweltverschmutzung wuchs die Arbeitslosigkeit, ein Heer von Millionen von Wanderarbeitern machte sich auf den Weg, um neue existenzsichernde Beschäftigungen zu finden. Es sind diese sozialen Spaltungen, die der Fotograf in den ausdruckslosen Gesichtern, in den täglichen Nöten und dem Leid der Armen fand und in seine emotionalen Bilder übersetzte. Typisch für die Arbeit Meuniers ist eine Methode, die einem kinematografischen Ansatz nahekommt, indem er eine Reihe von Bildern zu Sequenzen vereint. Es überrascht daher nicht, dass der Fotograf sich weniger als Dokumentar der Zeit versteht, sondern für seine mit einer Leica MP erarbeiteten schwarzweiße Bildserie auch allegorische oder symbolische Bilder findet. Doch so subjektiv diese auch erscheinen, bleibt er den porträtierten Menschen doch zugewandt und versucht über seine Bildsprache eine möglichst große Empathie für den einzelnen Menschen zu erzeugen.

„Die Gewinner-Serie gab mir die Möglichkeit, die Hauptgrundlage meiner Arbeit über China zu schaffen: ‚Erased‘. Durch diesen Preis war es mir möglich, Aufträge in China zu erhalten und meine eigene Arbeit weiter zu verfolgen.“

„Rückblickend war der Leica Oskar Barnack Award für mich ein wichtiger Moment. Erst wenige Monate zuvor war ich mit Unterstützung von Christian Caujolle in die Agentur VU’ eingetreten. Ich war noch nicht besonders selbstsicher und die Tatsache, den LOBA in Arles entgegenzunehmen, war eine großartige Gelegenheit, an die Fotografie und an mein China-Projekt zu glauben“, erinnert sich Meunier. China blieb auch danach ein zentrales Thema für ihn: „China ist seit vielen Jahren mein Hauptaugenmerk und ich arbeite auch 2020 noch dort. Tatsächlich habe ich versucht, den zweiten Teil meiner Arbeit über China (unter dem Titel „REC“) in diesem Jahr abzuschließen. Es fällt mir schwer, meine Gefühle für China zusammenzufassen. Ich habe dort Freunde und ich habe seit 1998 so viele Veränderungen erlebt, zum Guten und gerade jetzt zum Schlechten.“

Bertrand Meunier

Bertrand Meunier wurde 1965 im zentralfranzösischen Nevers geboren. 1993 begann er sich die Fotografie autodidaktisch zu erarbeiten. Seine langjährige Beschäftigung mit China veröffentlichte er 2005 in dem Bildband „Le sang de la Chine“. Er hat zahlreiche Dokumentarfilme über verschiedene Länder und Themen gedreht. Sein Werk wurde mehrfach ausgestellt und ausgezeichnet. Meunier ist Mitglied des Fotografenkollektivs Tendance Floue. Er lebt und arbeitet in Paris.

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Porträt: © Patrick Tourneboeuf / Tendance Floue