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Scarlett Coten – Mectoub, 2016

Scarlett Coten – Mectoub, 2016

Die französische Fotografin befragt in ihrer 2016 mit dem LOBA ausgezeichneten Serie „Mectoub“ Rollen und Männlichkeitsbilder in der arabischen Welt. Ihre Porträts lenken den Blick auf die Brüche zwischen gesellschaftlicher Konformität und individueller Sehnsucht. Coten ist eine Kennerin der arabischen Welt, die sie seit ihrem Studienabschluss immer wieder in Langzeitprojekten fotografisch erforscht.

Fordernde Blicke in die Kamera, laszive, weiblich konnotierte Posen und Attribute: Schon auf den ersten Blick vermitteln die Porträts der jungen arabischen Männer eine ungewohnte Sichtweise. Das ist ganz im Sinne der Fotografin, die sich seit Jahren mit Projekten in arabischen Ländern beschäftigt und aus weiblicher Perspektive zu überraschenden Ergebnissen kommt.

Im Zuge des Arabischen Frühlings begann sich Scarlett Coten mit verschiedenen Aspekten der sich verändernden Gesellschaften in Nordafrika und im Nahen Osten zu beschäftigen: „2012 beschloss ich, Männer zu fotografieren. Ich reiste von Nordafrika bis in den Nahen Osten, um ein Bild männlicher Identität zu suchen. Die Serie präsentiert Männer dieser Region in einer sehr persönlichen Art und Weise, verwebt Porträts mit Orten. Ich spiele mit der Idee, inszenierte und dokumentarische Formen zu mischen, indem ich Aussage mit Intimität verbinde.“

„Was ist ‚Mectoub‘? Es ist ein Standpunkt, eine Beziehung, die ich beschloss mit Männern zu haben, die mir fremd waren.“

Binnen vier Jahren fotografierte sie in Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten, Palästina, im Libanon und in Jordanien. Der Widerspruch zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit, der sich in den Porträts zeigt, spitzt sich durch kräftige Hintergrundfarben oder die heruntergekommenen Räume, die sie für die Motive ausgewählt hat, weiter zu. „In ‚Mectoub‘ hat die Kamera selbst ein Geschlecht, und der weibliche Blick hat eine Machtposition, die den Betrachter herausfordert, die traditionellen Vorstellungen des vorherrschenden männlichen Blicks in der Geschichte der Kunst infrage zu stellen“, so Coten.

„‚Mectoub‘ ist eine einzigartige Vision von der Welt. Ich möchte den Betrachter einladen, die Vorherrschaft der männlichen Perspektive in der Kunstgeschichte zu überdenken. Die Eroberung der weiblichen Perspektive, die auf Männer schaut, ist neu. Sie ist die Frucht eines langen Kampfes.“

Doch es ist auch eine politische Geste, den von ihr porträtierten Männern eine eigene, sensible Selbstdarstellung zu ermöglichen, die in der Berichterstattung aus diesen Ländern sonst nicht vorkommt. „In patriarchalischen Gesellschaften scheint individuelle Freiheit ein Akt der Rebellion zu sein. Diese Männer sind es, die durch ihre Haltung, ihr Aussehen, ihre Entscheidungen, ihre Differenzen eine politische Aussage machen. Sie sind es, die sich in Gefahr bringen.“ Die Fotografin versteht es als ihre Aufgabe, diesen Lebensentwürfen eine Plattform zu bieten und ihr Publikum dabei gleichzeitig für universelle Fragen nach Identität, Stereotypen, Gender oder der Beziehung zwischen Männern und Frauen zu sensibilisieren. „Mectoub“ – ein Wortspiel aus dem umgangssprachlichen französischen „mec“, dem Macker, und dem arabischen „maktub“ ( ), das für das schicksalhafte „Es ist geschrieben …“ steht – erscheint daher als ein sehr zeitgemäßes Projekt in einer sich wandelnden Welt. Die Serie wurde bereits mehrfach gezeigt. „Die Reaktionen waren positiv, sowohl in den USA als auch in Algerien und Jordanien, wo die Ausstellung auf eine Begeisterung stieß, die meine Erwartungen weit übertraf“, berichtet die Fotografin 2016. Sie ist sich der Komplexität ihres Projekts bewusst, doch „ich habe immer daran geglaubt, dass insbesondere Kunst ein Freiraum ist, in dem Grenzen und Tabus zurückgedrängt werden können. So lebe ich es als Künstlerin.“

(Text aktualisiert 2020)

Scarlett Coten

Scarlett Coten wurde 1958 geboren und arbeitet als freie Fotografin an Langzeitprojekten vor allem in der arabischen Welt. Nach dem Studium an der École nationale supérieure de la photographie in Arles reiste sie 2000 nach Ägypten, um dort ihre erste wichtige Serie zu realisieren. Für „Still Alive“ begleitete sie über Monate Beduinen durch die Wüste Sinai. Die Serie erschien 2009 als Buch bei Actes Sud Beaux Arts. Seit 2012 arbeitet sie an dem Porträtprojekt „Mectoub“, das bereits mehrfach ausgestellt wurde.

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