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Max Pinckers: Ein neuer Bildband des LOBA-Gewinners von 2018

Max Pinckers: Ein neuer Bildband des LOBA-Gewinners von 2018

Mit mehr als 300 Fotografien zeigt das Buch einen rasanten Querschnitt durch das Werk der letzten zehn Jahre.

Der belgische Fotograf ist ein Skeptiker des Mediums, denn als der 1988 geborene Pinckers mit dem Fotografieren anfing, stellte er schnell fest, dass eigentlich alles schon einmal fotografisch festgehalten wurde. Nun hat ihn diese Erkenntnis aber nicht abgeschreckt, sondern dazu angeregt, in seinen Arbeiten die Grenzen des Dokumentarischen umso bewusster auszuloten. Seine Serien spielen daher auch immer mit der Vermischung von Fakt und Fiktion. Was ist Wahrheit, was ist Wahrnehmung? Pinckers gibt keine exakten Antworten, aber er liefert spannende Möglichkeiten für Interpretationen und Assoziationen. Begleitend zu seiner ersten großen Retrospektive im FOMU, dem Antwerpener Fotomuseum, ist jetzt ein umfangreicher Bildband bei Hannibal Books erschienen.

„Meine Arbeit ist mehr als die Darstellung einer äußeren Realität: Sie ist ein spekulativer Prozess, der sich der Realität und der Wahrheit als vielfältigen, wandelbaren Begriffen nähert.“

Zusammengestellt wurde die Auswahl und Abfolge der Bilder vom Philosophen und Kurator Hans Theys, der auch den begleitenden Essay schrieb. Die Zusammen- und Gegenüberstellung aus sieben Serien folgt weder der chronologischen Ordnung, noch einzelnen Themen. So entsteht ein verblüffendes Wechselspiel zwischen bereits bekannten Motiven und weniger präsentem Material. Erst am Ende des Bildbands werden alle Aufnahmen betitelt und den verschiedenen Serien zugeordnet: Die früheste Serie „Lotus“ (2011), die zusammen mit Quinten De Bruyn entstand, widmet sich dem Leben und Alltag thailändischer Ladyboys. 2012 realisierte Pinckers die Serie „The Fourth Wall“, die vor allem auf den Straßen von Mumbai aufgenommen wurde. Ausgangspunkt war ein Porträt von Bollywood und des Einflusses von Filmen auf die Gesellschaft.

Eine subjektive Dokumentation über die Liebe und die Ehe entstand mit der Serie „Will They Sing Like Raindrops or Leave Me Thirsty“ (2014) in Indien. Auch hier ergänzen fiktive Ebenen die vor Ort erlebten realen Situationen. In der nächsten Serie „Two Kinds of Memory and Memory Itself” (2015), mit der er 2016 auf der LOBA-Shortlist landete, hinterfragte er ebenfalls die westlichen Klischees, die er – da er sie in der von ihm besuchten japanischen Präfektur nicht fand – entsprechend nachstellte. Ein besonderes Merkmal seiner Bildsprache war hier bereits das unwirklich erscheinende Licht, das in der nächsten Serie wieder für eine extrem verfremdete Atmosphäre sorgt: „Red Ink“ (2018) wurde in Nordkorea aufgenommen und war ursprünglich eine Auftragsarbeit für „The New Yorker“. Als Fotograf begleitete Pinckers einen Journalisten, doch war es ihm dort unmöglich, sich frei zu bewegen, geschweige denn unabhängig zu fotografieren. Mit dem Einsatz von Blitzlichtgeräten entstanden grelle Bilder, die in ihrer vermeintlichen Belanglosigkeit umso mehr vom kontrollierten Alltag in Nordkorea berichten. Für diese Serie wurde er 2018 auch mit dem LOBA ausgezeichnet.

Sechs Menschen aus den USA werden in dem Projekt „Margins of Excess“ (2018) vorgestellt, wobei ihre Identitäten und Biografien höchst zweifelhaft sind. Zwar hatten alle kurzzeitig landesweite mediale Aufmerksamkeit, doch erwiesen sie sich in der Regel als Hochstapler, Lügner oder Träumer. Die Geschichten der Porträtierten spiegeln bestens die generelle Herangehensweise Pinckers’ an die Fotografie wider, glaubt er doch nicht an die eine Wahrheit, nutzt aber die realen Personen für eine Hinterfragung von Massenmedien und die Macht der Fantasie.

Ergänzt wird die Auswahl des Bildbandes durch Arbeiten aus der aktuellen Serie „Unhistories“, an der Pinckers bereits seit sechs Jahren arbeitet und zu der auch in nächster Zeit eine eigene Publikation erscheinen soll. Im Mittelpunkt steht die ehemalige Mau-Mau-Guerillabewegung in Kenia, die zwischen 1952 und 1960 gegen die britische Besatzung kämpfte. Auch hier stellt der Fotograf zusammen mit seinen Protagonisten bestimmte Situationen aus dem Befreiungskampf nach, vermischt sie mit heutigen Situationen und gelangt so zu einer ungewöhnlichen Auseinandersetzung mit der Landesgeschichte Kenias und postkolonialen Problemen.

Insgesamt zeigt das Buch eine rasante Bilderabfolge. Was kann eine Fotografie über die Welt aussagen, in der wir leben? Diese Grundfrage zieht sich wie ein roter Faden durch alle Serien, lässt sich aber durch die kongeniale Neuanordnung und Vermischung der Aufnahmen im neuen Bildband umso weniger beantworten. Zweifel und das Wissen um die Mehrdeutigkeit von Bildern sind die Grundkonstanten, die den Betrachter durch die Seiten begleiten. Als Ergebnis ist das Buch erst einmal überwältigend, denn spannend sind die Aufnahmen immer, gleichgültig ob die Wahrhaftigkeit dabei eben nur als nebensächlich betrachtet wird. Ein sehr komplexer Kommentar zur zeitgenössischen Fotografie.

Max Pinckers

Max Pinckers wurde 1988 in Brüssel geboren und wuchs in Indonesien, Indien, Australien und Singapur auf. In seinen Arbeiten erforscht er die Strategien visuellen Erzählens in der Dokumentarfotografie. Pinckers hat von 2008 bis 2012 an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Gent studiert und hat einen Doktortitel der KASK & Conservatorium, der Kunsthochschule in Gent. 2015 gründete Pinckers den unabhängigen Verlag Lyre Press und 2017 The School of Speculative Documentary. Seine Projekte entstehen in enger Kooperation mit seiner Frau Victoria Gonzalez-Figueras.

Zur Website

Die Ausstellung „Double Bind“ läuft noch bis zum 13. März 2022 im FOMU, dem Antwerpener Fotomuseum.

Max Pinckers. A Book by Hans Theys. 324 Seiten, ca. 300 Farbabb., 27 × 22,2 cm, Englisch/Niederländisch/Französisch, Hannibal Books

www.hannibalbooks.be